Leseprobe The Bad Boys

 

Verflucht noch eins. Julia Schäfer seufzte tief, während sie ihren Polo zum vierten Mal um den Block lenkte und nach einer Parklücke Ausschau hielt, in die ihr Auto auch reinpasste. Nicht, dass es so riesig wäre, aber sie hatte auch nicht vor, sich über die Massen anzustrengen, schließlich wollte sie keinen Wettbewerb als beste Einparkerin der Welt gewinnen. Wie auch immer – sie war zu spät dran und das, obwohl sie rechtzeitig losgefahren war – hatte sie zumindest gedacht. Dieser Augenoptiker Kramer, einer der wenigen, die so spät überhaupt noch geöffnet hatten, hatte bereits am Telefon etwas von spätestens 19 Uhr gebrummelt. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was er wohl dazu sagen würde, wenn sie sich um fünfzehn Minuten verspäten würde. Vorausgesetzt, er war dann überhaupt noch da.

Julia hatte die Zeit vergessen und sich mit ihrem letzten Kunden definitiv zu viel Zeit gelassen und natürlich hatte der nicht protestiert. Im Gegenteil. Er hatte sogar versucht, sie dazu zu bewegen, weiterzumachen – viel weiter. Doch natürlich hatte sie seine Avancen direkt im Keim erstickt und ihn höflich, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass sie keine Happy-End-Massage-Praxis, sondern Physiotherapie betrieb.

Julia hatte hastig hinter ihm abgeschlossen, sich schnell umgezogen und in den Verkehr gestürzt. Da. Da vorne blinkte ein Wagen und tatsächlich – sie bekam die Parklücke gerade noch rechtzeitig, bevor eine schwere Limousine – ein Jaguar – sie ihr vor der Nase wegschnappen konnte. Aufatmend stellte sie den Motor ab und schaute auf die Uhr. Zehn nach – na, wer sagte es denn? So dramatisch war es gar nicht. Wie ein geölter Blitz stieg sie aus, schnappte sich ihre Handtasche und legte die kurze Strecke zu dem kleinen, aber exquisiten Brillengeschäft mitten in der City so schnell zurück, dass sie völlig außer Atem dort ankam. Der Laden wirkte leer. Nur weiter hinten brannte noch Licht, weswegen sie hoffnungsvoll an der Klinke rüttelte. Verschlossen. Frustriert schloss Julia die Augen und fluchte leise vor sich hin, als eine tiefe, dunkle Männerstimme plötzlich hinter ihr sagte: „Sie sind wohl zu spät, mhm?“

Erschrocken fuhr sie herum und blickte in die faszinierendsten blauen Augen, die sie je gesehen hatte. „Ähm, ja“, stammelte sie und räusperte sich verlegen. Der große dunkelblonde Mann stand so dicht vor ihr, dass sie automatisch zurückwich, dabei jedoch eine der beiden Stufen vorm Laden übersah und ins Schwanken geriet.

Sein Arm schoss vor und ergriff ihren Arm, ehe sie sich vollends blamieren und zu Boden gehen konnte. „Hoppala. Vorsicht. Wir wollen uns doch nicht verletzen.“ Bildete sie sich das ein, oder lachte er über sie?

Entschlossen, sich nicht zum Narren zu machen, warf sie ihm einen scharfen Blick zu. „Sie können mich loslassen. Ich kann alleine stehen, danke.“

„Wie Sie meinen, aber können Sie auch dafür sorgen, dass sich diese Tür öffnet? Ich nämlich schon.“

Julia lief rot an. „Sie sind Herr Kramer?“

„Jep, der bin ich. Warten Sie hier, bin gleich wieder da.“ Kaum ausgesprochen war er ebenso schnell verschwunden, wie er aufgekreuzt war. Ein paar Sekunden später waren im Laden Stimmen zu hören und dann flammte Licht auf. Julia konnte Schritte hören, dann drehte sich ein Schlüssel im Schloss und plötzlich war die Tür offen.

„Guten Abend. Entschuldigen Sie bitte, dass Sie warten mussten. Aber wenn ich hinten im Büro bin, schließ ich vorne lieber ab.“ Sie musste den Kopf ein wenig in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Erneut waren da wunderschöne, blaue Augen und ein jungenhaftes Lächeln, das sie aus den Socken zu hauen drohte. Etwas war anders an ihm, doch es wollte ihr nicht sofort einfallen. „Kommen Sie doch herein.“

Völlig verzückt von diesem männlichen Prachtexemplar nickte sie wortlos, ging die zwei kleinen Stufen nach oben und betrat den Laden.

„Meine Schuld. Schließlich bin ich zu spät. Ich bin froh, überhaupt noch einen Parkplatz ergattert zu haben und es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, mich überhaupt noch dranzunehmen.“

Oha. Das klang irgendwie zweideutig. Sie sah etwas in seinen Augen aufblitzen und wünschte sich augenblicklich, sich mehr zurechtgemacht zu haben. Doch woher hätte sie wissen sollen, dass dieser Optiker sich als optischer Leckerbissen entpuppen würde?

Zwar fühlte sich Julia auch ungeschminkt recht gut, doch ein wenig Wimperntusche und Makeup hätte nicht schaden können.

„Ach, dann waren Sie das, die mir den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hat? Kleiner schwarzer Polo?“ Wieder die tiefe, männliche, leicht ironische Stimme. Das war es, was anders war. Der Mann vorhin hatte irgendwie anders geklungen – weicher und weit … ungefährlicher.

Sie drehte sich um und erstarrte. Aus dem Hintergrund des Ladens blickte sie ein grinsendes Männergesicht an. Ihr Verstand versuchte zu verarbeiten, dass es zwei von ihnen gab. Eineiige Zwillinge, schoss es ihr durch den Kopf. „Ja“, war alles, was sie hervorbrachte.

Der zweite Mann winkte lachend ab. „Nicht so schlimm. Ein wenig Bewegung tut mir gut, nicht wahr, Simon?“

„Aber hallo. So und jetzt, mein Lieber, lass mich meine Arbeit machen und mich um meine Kundin kümmern. Schließlich will sie sicher auch mal irgendwann Feierabend haben, nicht wahr, Frau Schäfer?“

Wow. Der Mann hatte sich sogar ihren Namen gemerkt. Sie hingegen wusste nichts mehr. „Julia“, hörte sie sich sagen und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. „Julia Schäfer.“

„Simon Kramer, freut mich sehr. Und das gerade war mein Zwillingsbruder Oliver, aber dass wir Zwillinge sind, dachten Sie sich sicher bereits“, erwiderte er lächelnd, wobei er schöne, ebenmäßige Zähne entblößte. „Sie hatten angerufen, wegen eines Notfalls.“

„Ja, das stimmt. Mir ist heute meine Brille runtergefallen.“ Julia kramte in ihrer Handtasche und zog ihr Brillengestell hervor. „Dabei hat sich ein Glas verabschiedet und nun bin ich quasi blind. Zumindest beim Lesen.“

„Verstehe. Darf ich fragen, wann Sie das letzte Mal einen Sehtest hatten?“

„Mhm, das ist wohl schon … zirka zwei Jahre her“, erwiderte sie mit gerunzelter Stirn. „Sie meinen, wir sollten erst einen Sehtest machen? Aber dauert das nicht viel zu lang?“

„Nein, auf keinen Fall. Was wäre ich für ein Optiker, wenn ich Ihnen einfach etwas reparieren würde, ohne zu prüfen, ob noch alles in Ordnung ist.“

„Also gut. Wo wollen Sie mich haben?“ Shit. Schon wieder eine Zweideutigkeit. Julia lief rot an, als aus der Ecke des Bruders ein leises Lachen zu hören war.

„Ich sehe, du kommst hier gut zurecht, Brüderchen. Soll ich schon mal vorfahren?“

„Ja, mach ruhig. Ich komme nach.“

„Auf Wiedersehen, Julia. Hat mich sehr gefreut. Solltest du einmal jemanden benötigen, der gut mit Pflanzen kann, darfst du mich gerne anrufen.“ Das Grinsen in seiner Stimme war deutlich zu hören.

„Das mach ich“, gab Julia keck zurück und grinste ebenfalls. „Aber ich muss dich warnen, ich hab selbst einen grünen Daumen. Du wärst also quasi arbeitslos.“

„Was ich äußerst schade finde. So, aber jetzt geh ich wirklich, sonst wird hier noch jemand gelyncht. War mir ein Vergnügen.“ Er verschwand und hinterließ merkwürdigerweise eine Lücke im Raum, die deutlich zu spüren war.

„Folgen Sie mir bitte.“ Simon Kramer ging in einen anderen Teil des kleinen Ladens und nahm hinter einem futuristisch aussehenden optischen Gerät Platz. „Bitte, setzen Sie sich und legen Sie das Kinn hier in die Kerbe.“

Die nächsten Minuten befolgte sie Simons Anweisungen. Dabei war sie sich seiner Gegenwart mehr als bewusst. Sie spürte seinen Atem, der, wenn er sich vorbeugte, um das Gerät neu zu justieren, ihren nackten Arm streifte.

„Alles in Ordnung. Die Stärken haben sich nicht verändert.“

Julia atmete erleichtert aus. „Super. Wenigstens was“, gab sie zurück und schenkte ihm ein offenes Lächeln. „Aber ich denke, ich sollte auf jeden Fall auch eine Ersatzbrille haben, für alle Fälle. Können Sie mir ein Gestell empfehlen? Ich bin total schlecht in solchen Dingen.“

„Natürlich. Dafür bin ich schließlich da“, antwortete Simon freundlich.

Eine halbe Stunde später hatte Julia ein schickes, neues Brillengestell ausgesucht und den Reparaturschein für die alte Brille in der Tasche und atmete erleichtert auf. „Dankeschön. Es war wirklich sehr nett von Ihnen, auf mich zu warten. Ich freue mich schon, von Ihnen zu hören. Ich meine … ähm… wenn meine Brillen fertig sind.“

„Ja, ich auch. Ich meine, ich rufe Sie an, sobald die Sachen fertig sind.“ Simon erhob sich und reichte Julia die Hand. „Hat mich sehr gefreut, Frau Schäfer.“

„Mich auch, aber sagen Sie doch ruhig Julia. Sonst komm ich mir so furchtbar alt vor.“ Julia grinste verschmitzt.

Simon lachte. „Geht mir auch so. Aber hier im Laden versuche ich immer, die Distanz zu wahren. Er schüttelte erneut ihre Hand. „Ich bin Simon.“

„Also dann, bis bald, Simon.“ Julia drehte sich um und ging zur Tür.

„Ja, bis zum nächsten Mal“, hörte sie ihn hinter sich murmeln, während sie mit laut klopfendem Herzen hinausging.

Das war wirklich Stoff wie aus einem Liebesroman. Selten zuvor hatte Julia sich derart beflügelt gefühlt. Gerade hatte sie zwei umwerfende Typen kennengelernt, die ihr beide äußerst interessant erschienen. Während Simon ein ruhiger und sehr ausgeglichener Mensch zu sein schien, war Oliver eindeutig der Draufgänger von beiden. Er hatte etwas Forsches und sehr Direktes in seiner Art – etwas, das sie sehr gereizt hatte, ihn näher kennenzulernen. Simons sanfte, einfühlsame Art fand sie jedoch auch äußerst anziehend.

Puhhhh – beide zusammen waren eindeutig zu viel und zwei Nummern zu heiß für sie. Beschwingt lief sie zu ihrem Polo und wollte schon einsteigen, als sie den kleinen Zettel bemerkte, der unter ihrem Scheibenwischer klemmte. Er war von ihm – Simons Zwilling.

Hi Julia. Lass uns ins Grüne fahre, damit ich dir zeigen kann, wer den grüneren Daumen hat. Oliver

Seine Telefonnummer stand fein säuberlich darunter und daneben zierte ein kleiner frecher Smiley die Nachricht. Sofort begann Julias Herz bis zum Hals zu schlagen. Noch nie hatte ihr ein Mann ein Briefchen zugesteckt und bei dem Gedanken, dieses auch noch von einem blauäugigen Mädchentraum bekommen zu haben, wurde ihr ganz heiß. Nachdenklich ließ sie sich hinters Lenkrad sinken. Sowohl Oliver als auch Simon waren so völlig anders als sie. Die zwei Männer waren optische Hingucker und hatten mit Sicherheit an jedem Finger so viele Frauen, dass sie sie nicht einmal zählen konnten. Sie hingegen war zwar nicht hässlich, doch auch nicht gerade eine Sensation. Ihr hätten zehn Zentimeter mehr Körpergröße genauso gut getan wie zehn Kilogramm weniger auf den Rippen. Außerdem hatte sie, wie viele andere Frauen auch, mit Cellulite und der Schwerkraft zu kämpfen. Natürlich ließen sich diese Dinge leicht verbergen – solange man angezogen war. Doch im Bett würden die nackten Tatsachen sofort ins Auge stechen.

Sie hatte Olivers Telefonnummer, doch das musste noch lange nichts heißen, allerdings fühlte sie sich mehr als geschmeichelt und fuhr umso beschwingter. Sie würde sich jetzt ein Bad gönnen und sich schnell ein paar Brote machen, denn so langsam protestierte ihr Magen gegen die abendliche Abstinenz. Ihr kleiner Kater Karl wartete sicher auch schon ungeduldig auf Frauchens Rückkehr. Der arme Kerl war bestimmt völlig ausgehungert und würde sie laut maunzend begrüßen. Und wer weiß, vielleicht würde sie morgen sogar anrufen – einfach so.

 

Leocardia Sommer

Autorin mit Herz und Kurven

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Leocardia Sommer