Leseprobe Tears Hunter - Tyrell

„Fuck, ist das kalt.“ Mein Kumpel Myka schlug sich mit seinen starken, muskulösen Armen auf die Schultern und versuchte so, sich aufzuwärmen. Obwohl er einen dick gefütterten, knallroten Anorak trug, schien er erbärmlich zu frieren, weswegen er mich mit seinen silbern glänzenden Augen so intensiv ansah, als hätte ich diese Eiseskälte höchstpersönlich verursacht. Natürlich war mir klar, dass er mich nicht wirklich vorwurfsvoll ansah, denn Myka wusste gar nicht, wie es sich anfühlte, jemandem Vorhaltungen zu machen. „Was mussten wir auch ausgerechnet hierherkommen? An den Arsch der Welt, mitten im Nirgendwo. Hätte es nicht auch der Süden sein können?“

„Jetzt stell dich nicht so an, du Weichei“, antwortete ich knurrend. „Als ob uns die Kälte etwas anhaben kann. Ich weiß, du magst es lieber warm, aber es ging nun mal nicht anders. Wo ist überhaupt deine Sonnenbrille? Du weißt genau, dass du sie tragen sollst. Wenn schon nicht die, dann wenigstens deine Kontaktlinsen.“

„Ja, ja, ich weiß. Unsere Augen. Schon klar. Hier ist sie. Siehst du?“ Er kramte seine verspiegelte Brille hervor und setzte sie ohne zu zögern auf. Dann sagte er feixend: „Von allen Orten auf diesem Planeten musstest du dir ausgerechnet Alaska aussuchen. Dieses Licht hier ist gelinde gesagt hart. Nenn mir einen Grund, weshalb wir nicht zusammenpacken sollten. Anderswo ist es genauso gut wie hier.“

Nickend bestätigte ich seine Worte. „Schon klar. Aber du hast auch die Ausschreibung gelesen. Sie suchen seit Monaten händeringend gute Chirurgen und zufällig kenne ich zwei. Zwei der Besten, die es auf diesem Planeten gibt, und genau deshalb sind wir hier.“

„Natürlich. Weswegen auch sonst – wir sind hier, weil wir die Besten sind“, wiederholte Myka und verzog die Mundwinkel. „Natürlich, war ja klar. Nirgendwo sonst suchen sie Fachärzte. Auf dem gesamten Kontinent nicht. Nur hier in der Pampa.“

„Das hier ist nicht die Pampa“, gab ich zurück. „Wir sind in Alaska, dem nördlichsten Zipfel der USA. Hier ist es beschaulich und sicher für uns. Wir werden also hierbleiben. Hast du mich verstanden?“

„Okay. Wir bleiben. Aber nur, weil du in diesem Jahrzehnt das Sagen hast. Nicht mehr lange, dann werden wir nach Florida umsiedeln.“ Er spielte auf die Anweisung unseres Anführers Kyl an, die ihm gebot, mir uneingeschränkt Folge zu leisten.

„Bis dahin dauert es noch eine Weile. Also halt die Klappe und hilf mir, das Auto von Schnee und Eis zu befreien. Wir haben in zwanzig Minuten ein Gespräch mit der Klinikleitung, also los.“ Ich fuhr fort, die Frontscheibe unseres SUVs vom Eis zu befreien und dachte darüber nach, was Myka gesagt hatte. Ja, es war hier bereits Ende Oktober sehr kalt und ja, es war eine sehr abgeschiedene und einsame Gegend. Trotzdem hatte diese Region der Erde einen ganz besonderen Reiz. Mein Blick glitt über die spiegelglatte Wasseroberfläche des Knik Rivers, von dem ein leichter Nebel aufstieg, ein untrügliches Zeichen für die Kälte, die das Wasser bald ganz gefrieren lassen würde. Das Licht der Morgensonne brach sich auf der Oberfläche und ließ sie wie eine Million funkelnder Diamanten erscheinen. Mir war klar, welch einen fantastischen Ausblick wir von dem gemieteten Haus aus hatten und auch, wie verzückt die Menschen auf diese Aussicht, die sich uns jeden Morgen bot, reagierten, doch ich fühlte – nichts. Es war, als könnte mein Gehirn die Schönheit nicht erfassen, obwohl meine Augen sie einfing. All die Eindrücke, die ich jeden Tag sammelte und abspeicherte, wurden tief in mir analysiert, mehr aber auch nicht.

Auf einmal, wie aus dem Nichts, formte sich vor meinem inneren Auge das Bild eines Fischerbootes, das seine Fangnetze ausgeworfen hatte. Ein dumpfes Ziehen machte sich in meiner Magengegend breit und ich horchte überrascht in mich hinein, um die Ursache zu erforschen. Etwas Neues, Unbekanntes ergriff von mir Besitz, doch ich wagte nicht, die Möglichkeit, es könnte tatsächlich geschehen, auch nur in Erwägung zu ziehen. Mein Puls beschleunigte sich. Hochseefischen! Das war etwas, das ich unbedingt tun wollte, ehe wir diesen Planeten irgendwann einmal verließen. Aber ich wollte nicht irgendwo angeln gehen, sondern auf dem offenen Meer, um mich herum nur das Wasser und ohne Sicht auf Land. Ich wollte die Weite des Ozeans in mich aufnehmen – wollte versuchen, bei seiner unbeschreiblichen Weite Demut zu empfinden. Hier, im Golf von Alaska, wäre das mit Sicherheit eine unbeschreibliche Erfahrung, doch genau hier wurde mir auch mit aller Deutlichkeit der größte aller Unterschiede zwischen den Menschen und uns bewusst. Etwas, zu dem wir nicht in der Lage waren – die eine Sache, die den Menschen ausmachte. Die Fähigkeit zu fühlen. Natürlich konnte ich sagen, wie sich die Sonne auf meiner Haut anfühlte – es war heiß. Und ich wusste, wie sich Wasser auf meine Haut auswirkte. Ich wurde nass. Doch ich konnte nicht unterscheiden, ob die Gänsehaut auf meinen Armen von einem Wohlgefühl herrührte oder einfach, weil ich fror. Ich wusste es nicht. Seit wir vor etwas über achtundzwanzig Jahren auf diesem Planeten notgelandet waren, erkundete ich Momente – versuchte herauszufinden, weshalb der eine Mensch sich wohlig räkelte, wenn ein kühler Wind seine Haut streifte, während ein anderer sich fröstelnd eine Jacke überwarf. Diese Dinge waren körperlich und biologisch erklärbar. Aber was war mit all den Gefühlen, die sich weder mit Logik, gesundem Menschenverstand oder rational erklären ließen? Der Liebe und dem Mitgefühl? Dem Neid, der Missgunst und der Eifersucht? So viele Empfindungen, die nicht erklärbar waren. Genau dieses Nichtwissen war es, das mich nicht losließ. Zu gerne hätte ich mehr darüber gewusst und doch stieß ich immer wieder schnell an meine Grenzen. Um wieviel einfacher war es da, es einfach so zu akzeptieren, wie es war.

Die Menschen alterten zum Beispiel wesentlich schneller als wir, weshalb wir alle paar Jahre umzogen, um nicht aufzufallen. Auch waren wir resistent gegen alle bekannten Krankheiten und hatten einen stark beschleunigten Heilungsprozess bei Verletzungen, was natürlich früher oder später auffiel.

Also zogen wir in regelmäßigen Abständen wie die Nomaden von Stadt zu Stadt, taten alles, um unentdeckt zu bleiben. Dieses Mal jedoch war unser Umzug ungeplant und eher überstürzt. Es blieb keine Zeit, großartige Vorbereitungen zu treffen, denn wir hatten unsere Zelte abrupt abbrechen müssen, weil Zayn quasi aufgeflogen war.

Zayn hatte an unserem letzten Aufenthaltsort – in Maine – bei einem Sägewerk angeheuert und war dort beim Vertäuen mehrerer Stämme abgerutscht und mit seinem rechten Bein zwischen zwei mächtige Stämme geraten. Seine geschockten Kollegen riefen sofort einen Rettungswagen und befreiten ihn unter größten Anstrengungen so schnell es ging, aber er hatte sich schlimmste Verletzungen am Bein zugezogen. Es war nicht nur an mehreren Stellen gebrochen, sondern durch einen Ast, der sich in das Oberschenkelgewebe gebohrt hatte, gute zehn Zentimeter weit aufgerissen und blutete stark. Alles in allem war die Situation äußerst besorgniserregend, und die Kollegen fürchteten um sein Leben. Doch als die Sanitäter eintrafen, konnten sie nur noch eine leichte Schnittwunde und Quetschungen am Unterschenkel feststellen, obwohl jeder der Männer etwas völlig Anderes geschildert hatte. Alle Erklärungsversuche Zayns bezüglich eines extrem schnellen Heilungsprozesses blieben erfolglos, und bevor jemand das Wort Wunderheilung aussprechen konnte, beschloss er, den Rückzug anzutreten.

Noch am gleichen Abend betraute Kyl mich mit der Aufgabe, ein neues, gemeinsames Ziel auszuwählen, mich um eine Unterkunft und um Jobs zu kümmern.

„Du kannst aufhören, die Scheibe zu bearbeiten, sie ist frei. Wir können los“, hörte ich Myka sagen. Mechanisch stellte ich das Eiskratzen ein und schüttelte benommen den Kopf. Ein dumpfes Gefühl machte sich hinter meinen Augen breit – etwas, auf das ich gerne verzichtet hätte. Wieder machte mir das gleißend helle Licht der Morgensonne zu schaffen und das trotz Sonnenbrille; eine Tatsache, die mich ein wenig irritierte. Seit wir hier sind … Ich weigerte mich, diesen Gedanken zu Ende zu denken, denn das bedeutete, sich damit auseinandersetzen zu müssen, und dafür hatte ich jetzt keine Zeit.

Ich konnte sehen, wie sehr auch Myka die getönten Scheiben genoss, hinter denen die gleißende Helligkeit dieses wunderschönen, aber knackig kalten Herbstmorgens ein wenig verblasste.

„Hast du etwas von Zayn und Kyl gehört?“

„Nein. Aber ich denke mal, es wird kein Problem gewesen sein, die Jobs zu kriegen. Schau dich doch hier um. Die suchen wirklich händeringend nach qualifizierten Kräften und zwar in allen Sparten“, antwortete ich und nahm auf dem Fahrersitz Platz. Ich war mir sicher, dass die beiden auf jeden Fall die Jobs als Versorgungsflieger bei der kleinen Airline auf dem Birchwood Airport bekommen hatten, denn wir alle waren ausgezeichnete Piloten. Wahrscheinlich drehten sie bereits über unseren Köpfen ihre ersten Probeflüge, um von ihren Flugkünsten zu überzeugen.

Nur Sekunden später lenkte ich den schweren Wagen durch den überschaubaren Verkehr von Anchorage City, das selbst zur Rush Hour nicht gerade überfüllt wirkte. Die breiten Straßen wirkten friedlich. Erst als wir in die Straße einbogen, in der das Alaska State Hospital lag, wurde es hektisch. Urplötzlich drang die Sirene eines Krankenwagens laut an meine Ohren und dann sah ich ihn auch schon im Rückspiegel. Mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit schoss das Fahrzeug an uns vorbei und kam unmittelbar vor der Notaufnahme des Krankenhauses zum Stehen. Zwei Pfleger kamen mit einer Pritsche angerannt, gefolgt von einer Ärztin, die ihnen mit wehendem Kittel nacheilte.

Fast im gleichen Moment flitzte ein kleiner, roter Wagen an uns vorbei und kam haarscharf hinter dem Krankenwagen zum Stehen. Eine junge Frau stürzte aus dem Auto heraus und lief wild gestikulierend auf die kleine Gruppe zu, wobei ihr langer, gelockter Pferdeschwanz im Rhythmus wippte.

Viel zu klein, analysierte ich nüchtern. Und zu kräftig. Sie hatte mindestens fünfzehn bis zwanzig Pfund zu viel Gewicht für ihre Größe. Zwar konnte ich unter der Winterjacke, ihrer Jeans und den Stiefeln ihre genaue Figur nur erahnen, doch ich war sicher, richtig zu liegen. Mit ihr würde Sex zum Abbau von Eiweiß und zum Verbrennen überschüssiger Kalorien nicht sehr gut funktionieren. Sie schied also als potentielle Trainingspartnerin aus, Sex kam nicht in Frage. Dennoch projizierte mein Gehirn wie aus dem Nichts Bilder vor mein inneres Auge, auf die mein Körper sofort reagierte. Perplex registrierte ich, wie der biochemische Prozess einsetzte, und noch ehe ich es verhindern konnte, wurde meine Hose eng. Unruhig rutschte ich auf meinem Sitz nach hinten, um es mir bequemer zu machen, was mir einen fragenden Seitenblick Mykas einbrachte. Ob er etwas ahnte? Vielleicht hatte er mitbekommen, wie ungewohnt ich auf den bloßen Anblick der Frau reagierte. Aber er beließ es bei diesem einen Blick, was mich kolossal erleichterte. Und als wäre die Situation nicht schon merkwürdig genug, setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest und ließ mich nicht mehr los. Wie sie wohl mit offenen Haaren aussieht?

Es reichte. Bestimmt lenkte ich unseren Wagen in eine Parkbucht und öffnete mein Fenster, um die kalte Luft meine abwegigen Gedanken vertreiben zu lassen, wobei ich sie keine Sekunde lang aus den Augen ließ. Ihre dunkle Lockenpracht wirkte kaum zu bändigen, denn es hatten sich einige vorwitzige Haarsträhnen gelöst, die ihr blasses, fast durchscheinendes Gesicht umrahmten. Selbst auf die Entfernung hin waren ihr die Anspannung und Sorge um den Mann auf der Liege deutlich anzusehen.

„Sie können ihm doch helfen, oder?“, drang ihre Stimme wie ein Windhauch zu mir herüber. Aufgeregt versuchte sie, einen Blick auf den auf der Pritsche liegenden Mann zu erhaschen. „Sie müssen ihm helfen, hören Sie? Wenn ihm etwas zustößt …“ Die Frau brach ab und schüttelte heftig den Kopf, als sei es keine Option, dass dem Mann etwas passierte. Dann redete sie einfach weiter, ohne darauf zu achten, dass einer der Sanitäter sie zur Seite drückte. „Ihm darf nichts geschehen. Sie MÜSSEN ihm helfen.“ Nun klang sie gar nicht mehr ängstlich. Nein. Im Gegenteil. Ihr Kampfgeist schien geweckt. „Du kannst mich nicht einfach so alleine lassen, hörst du? Du hast noch einiges vor in diesem Jahr.“

Mir fiel auf, welch eine schöne Stimme sie hatte. Rauchig und trotz ihrer Sorge fast sexy und ganz bestimmt alles andere als kühl. Melodisch umschmeichelte sie meine Ohren und legte sich wie weicher Samt über meine Sinne, die plötzlich geschärft zu sein schienen. Ich nahm ihr Parfum wahr, feminin blumig mit einer Kopfnote von Lavendel, doch dann schüttelte ich über meinen eigenen Irrsinn den Kopf. Natürlich konnte ich sie hier auf diese Entfernung nicht riechen. Das war völlig unmöglich. Und doch … Die dunkelhaarige Frau hatte etwas an sich; zu meiner Verwirrung berührte sie etwas tief in meinem Inneren. Und dann geschah es: Wie in Zeitlupe hob sie den Kopf und unsere Blicke trafen sich. Blitzartig war es um mich geschehen. Meine Gefäße verengten sich auf der Stelle und pumpten mein Blut in den einzigen Körperteil, der seinen Dienst nicht versagte – meinen Schwanz. Er schwoll zu einer enormen Größe an und begann schmerzhaft zu pulsieren. Bei allen sieben Weltmeeren … Ich versuchte, die plötzliche, körperliche Erregung weg zu atmen, doch es misslang. Keine Sekunde später blinzelte sie und unterbrach den Blickkontakt, nicht ohne dezent zu erröten. Auch sie hatte es gespürt, diese heiße Entladung – diese flirrende Verbindung, die zwischen uns entstanden war.

So schnell, wie dieser Mikro-Moment entstanden war, war er auch schon wieder vorbei. Mykas Stimme beamte mich in die Realität zurück. „Hey Ty. Wo bist du mit deinen Gedanken? Komm schon, wir haben noch fünf Minuten.“

Ich spannte die Muskeln an, rollte mit den Schultern und presste fest die Augen zusammen, versuchte so, die Flut an Eindrücken loszuwerden, die mich zu übermannen drohte. Es war keine Zeit, mich um eine Menschenfrau zu kümmern. Nicht jetzt, da wir so wichtigen Termin hatten – ein Treffen, das darüber entschied, ob wir eine neue Heimat hätten, zumindest für die nächsten Jahre. Keine Zeit, mich um das Wohl eines mir völlig Fremden zu kümmern, auch wenn seine weibliche Begleitung meine Sinne flattern ließ. Oder ist es gerade deswegen? Fürchtest du dich etwa vor dem, was sie in dir auslöst? Meine innere Stimme schien mich zu verspotten und ich beschloss, sie zu ignorieren.

Ich warf einen letzten Blick auf die Frau, stieg aus dem Wagen und folgte Myka, der mit weit ausholenden Schritten in die entgegengesetzte Richtung davonging. Bye, bye, mein kleiner, schwarzer Lockenkopf, dachte ich und verspürte erneut etwas mir bis dahin völlig Unbekanntes. Eine Leere beschlich mich – etwas Ungutes, fast so, als hätte ich etwas verloren. Um ein Haar hätte ich mich zu ihr umgedreht. Wie zur Hölle ist das möglich?, versuchte ich diese neue Erfahrung zu analysieren. Wie kann ich Derartiges spüren, ohne auch nur in ihre Nähe gekommen zu sein? Tief in mir ertönte eine leise Stimme: Du hast Gefühle. Du fühlst, doch ich ignorierte sie geflissentlich. Natürlich hatte ich keine Gefühle, denn das würde bedeuten, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich war kein Mensch, verdammt nochmal. Ich war ein Veqtorianer. Kein Erdling.

 

„Ihre Lebensläufe sind beachtlich, meine Herren, Wie alt sind Sie gleich nochmal, sagten Sie?“ Professor Weyland blickte über den Rand seiner Brille zuerst in Mykas, dann in meine Richtung und mir wurde klar – er meinte nicht nur unseren beruflichen Werdegang. Eine solche Reaktion lösten wir bei vielen Menschen aus, denn wir fielen nicht nur allein durch unsere körperliche Größe von knapp zwei Metern auf, auch der Rest unserer äußerlichen Erscheinung war extrem auffällig. Um die Ähnlichkeit ein wenig abzuschwächen, hatte ich mich dazu entschieden, mir einen Vollbart wachsen zu lassen. Außerdem trug ich dunkelbraune Kontaktlinsen, doch auch das konnte bei genauerer Betrachtung nicht darüber hinwegtäuschen, wie ähnlich wir uns tatsächlich waren. Ein Grund, weshalb Myka und ich uns manchmal als Brüder ausgaben, auch wenn wir nicht wirklich so etwas wie ein Verwandtschaftsverhältnis hatten.

Ich hatte entschieden, dieses Mal als Partner aufzutreten, und eventuell ein wenig bei unseren Lebensläufen übertrieben. Zwar hatte ich einige unserer Stationen aus verständlichen Gründen wegfallen lassen, doch es war noch immer einiges, auf das wir in den letzten Jahren zurückblicken konnten. Es war leicht, sich einen gewissen Ruf anzueignen, wenn man die Zeit hatte, den Beruf des Arztes jahrzehntelang zu erlernen und zu perfektionieren.

„Doktor Tyler ist fünfunddreißig und ich achtunddreißig“, antwortete ich für uns beide. Dabei schaute ich Professor Weyland offen in die Augen. Es war nicht gelogen – zumindest nicht ganz, aber ich konnte ja schlecht sagen, dass ich nach der Zeitrechnung auf der Erde bereits 950 Jahre alt war. Wer sollte das glauben?

„Mhm. Das ist in der Tat ungewöhnlich. Promoviert in Princeton, acht Jahre in Rochester an der Mayo Clinic und die letzten Jahre am Johns Hopkins Hospital in Baltimore. Bitte entschuldigen Sie meine Neugierde, Doktor Quill, Doktor Tyler. Ich verstehe nicht ganz, was Sie dazu bewogen hat, sich bei uns zu bewerben. Was mir auch merkwürdig erscheint – Sie haben exakt die gleichen Stadien durchlaufen.“ Sein Blick fiel auf Myka, der kerzengerade neben mir saß und aussah, als würde er jeden Moment ein Attentat verüben. Wie gut, dass er vorhin noch schnell seine stahlblauen Linsen eingesetzt hatte, um wenigstens seine auffälligen Augen zu verbergen. Ich konnte ihm ansehen, wie sich die Antwort auf die Frage des Professors bei ihm manifestierte, kam ihm jedoch zuvor und entschied mich dieses Mal gegen die Bruder-Variante. „Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Wir haben uns in Princeton kennengelernt und sind seither befreundet. Eng befreundet, wenn Sie verstehen.“ Ich schenkte dem Professor ein strahlendes Lächeln, das keinen Zweifel daran ließ, wie ich diese Bemerkung meinte. „Sie werden sicher verstehen, weshalb wir beide den gleichen Weg eingeschlagen haben. Wir sind nicht nur als Operationsteam unschlagbar. Lassen Sie uns Ihnen beweisen, wie gut wir sind. Wenn uns das nicht gelingt, können Sie uns immer noch rauswerfen.“

Weyland blickte uns aufmerksam an. Dann sagte er: „Ich verstehe. Aber warum ausgerechnet hier? Unser bescheidenes, beschauliches Krankenhaus ist so weit entfernt von dem, was Sie bisher erreicht haben, dass es sich nicht in Worte kleiden lässt. Außerdem bewerben Sie sich als Team. Ich bezweifle, dass wir Ihnen viele Operationen bieten können, die zwei so ausgezeichnete Chirurgen fordern.“

„Herr Professor“, erwiderte ich, ehe er noch mehr Argumente anführen konnte, die gegen eine Einstellung sprachen. „Sie haben es auf den Punkt gebracht. Wir mussten raus – weit weg von alledem. Raus aus der Tretmühle, verstehen Sie?“ Ich ließ meine Worte sacken, ehe ich gewinnend hinzufügte: „Außerdem können Sie sich sicher sein, dass wir selbstverständlich nicht alle Eingriffe gemeinsam vornehmen werden. Doktor Tyler ist ein großartiger Gefäßchirurg, während ich viel Erfahrung mit dem Herzen habe. Sie werden sehen, wir werden für Ihr Team eine große Bereicherung sein. Es ist eine Win-Win-Situation. Wir können hier hoffentlich in Ruhe arbeiten und Sie erhalten erfahrene Manpower.“

Einen Moment lang schien er zu überlegen. Dann nickte er, schlug die Akten zu und erhob sich. „Also gut, meine Herren. Lassen Sie es uns versuchen. Ihr erster Arbeitstag ist am Montag. Und seien Sie pünktlich. Wenn ich eines hasse, dann ist es Unpünktlichkeit. Und Unzuverlässigkeit.“

„Was schon zwei Dinge wären“, gab Myka trocken zurück, woraufhin Professor Weyland laut lachte.

„Korrekt, junger Mann, korrekt. Auf eine gute Zusammenarbeit.“ Er reichte uns abwechselnd die Hände, deutete eine leichte Verbeugung an und entließ uns damit für heute.

Als wir wieder in unserem Auto saßen, meinte Myka lakonisch: „Na, das ist doch prima gelaufen. Er ist nicht schreiend davongerannt.“ Dann verdüsterte sich seine Miene. „Dir ist schon klar, dass deine Andeutung noch für Zündstoff sorgen wird, nicht wahr?“

„Ja, vielleicht“, gab ich trocken zurück, „aber so halten wir uns wenigstens die Krankenschwestern vom Hals.“

„Als ob du das wolltest“, gab er zurück. „Und wer sagt, dass ich es will?“ Er schnalzte mit der Zunge und grinste. „Jetzt lass uns endlich frühstücken gehen, bevor ich vor Hunger umkomme.“

Ich betrachtete Mykas Profil und fragte mich einmal mehr, weshalb er nicht wie Zayn und Kyl war. Er war anders, ähnlich wie ich. Wir waren weit weniger aggressiv und sehr viel offener den Menschen gegenüber, was auch der Grund dafür war, dass Myka und ich uns entschieden hatten, Ärzte zu werden. Ich fühlte mich ihm irgendwie verbunden, falls ich überhaupt von Verbundenheit sprechen konnte.

 

Leocardia Sommer

Autorin mit Herz und Kurven

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Leocardia Sommer