Herzlich Willkommen, Neuanfang.

 

„Es tut mir wirklich leid, Frau Grimm. Aber wir müssen uns von Ihnen trennen. Sie müssen das verstehen. Wie Sie wissen, haben wir die kompletten Firmenstrukturen verändert, wodurch Ihr Sachgebiet gänzlich entfällt“, schloss mein Chef seinen Monolog, ohne mich dabei auch nur ein einziges Mal anzusehen.

Natürlich war es ihm unangenehm, mit mir zu sprechen, vielleicht war ich ihm auch einfach unangenehm – sprich: zu alt – geworden. Wie auch immer. Sein Unbehagen war deutlich zu spüren.

Er hat mich rausgeworfen. Von jetzt auf gleich. Während ich meinen Platz räumte, gingen mir diese Worte immer und immer wieder durch den Kopf. War das wirklich real? Hatte der Penner mich tatsächlich nach fast vierundzwanzig Berufsjahren – einfach so – vor die Tür gesetzt?

Kurz darauf stand ich auf der Straße vor dem Gebäude meiner nun ehemaligen Firma und sah an der Fassade nach oben, bis mein Blick an dem Fenster hängenblieb, hinter dem mein bisheriger Arbeitsplatz lag. Ich stand unter Schock und konnte es nicht begreifen. Was zur Hölle war da gerade passiert?

Was auch immer seine Beweggründe waren, es war letztendlich egal. Der einzige Gedanke, der wie ein Brummkreisel durch meine Gehirnwindungen drehte, war: Wie konnte er mir das antun? Mir einfach so kündigen? Und das nach all den vielen Jahren, die ich für ihn gearbeitet hatte? Und dann seine Argumentation. Ihr Sachgebiet entfällt gänzlich! Was für ein Hohn. Natürlich entfällt das Sachgebiet einer Geschäftsleitungsassistenz nicht einfach so! Es wird schlicht verjüngt, verdammte Scheiße.

Ich dachte an die oft verschobenen Urlaube, an all die Auszubildenden und jüngeren Kollegen, die ich einlernen durfte – die, die mir nun, wenn auch unwissentlich, den Job genommen hatten. Ich war sicher, dass eine davon gerade dabei war, meinen Schreibtisch in Beschlag zu nehmen. Jetzt war es ihre Jacke, die über meinem Stuhl hing. Ich war ausgetauscht worden. Ausrangiert, wie ein altes Möbelstück, das durchgesessen und verschlissen war, nicht mehr zu gebrauchen. Und anstatt mich mit einer anderen Aufgabe zu betrauen …

Langsam schüttelte ich den Kopf und schloss die Augen. All die unzähligen Überstunden, die ich in diesem Büro verbracht hatte, durch die ich oft nicht einmal mehr zum Einkaufen gekommen war. Stattdessen hatte ich auf dem Nachhauseweg Milla und mein Abendessen bei der Pizzeria um die Ecke oder bei McDonalds mitgenommen und es in aller Eile, teilweise kalt, hinuntergeschlungen, um noch ein paar Minuten mit meiner Tochter zu haben, ehe ich sie ins Bett brachte. Wie oft hatte sie alleine ihre Hausaufgaben gemacht und auf mich gewartet? Milla, das Schlüsselkind. Die mit der alleinerziehenden, voll berufstätigen Mutter, die nie Zeit hat. Nicht einmal zum Salate machen für Sommerfeste oder zum Plätzchen backen für den Weihnachts-Schul-Basar.

Dabei hatte ich in meinen vielen Berufsjahren fast nie gefehlt, hatte meine sozialen Kontakte auf ein Minimum beschränkt. Ich hatte keine wirklichen Freunde, hatte niemanden außer meinen Kolleginnen, die mich vielleicht nicht einmal vermissen würden. Selbst wenn meine Tochter krank gewesen war, hatte ich meine Mutter gebeten, auf sie zu achten, obwohl ich wusste, wie ungern Milla bei ihr war, anstatt mir ein paar Tage frei zu nehmen. Sogar mein Kind war dazu verdonnert gewesen, meine Unfähigkeit, nein zu sagen, auszubaden. Mittlerweile war sie zwanzig, war selbstständiger als ich und mir mehr Stütze, als ich es wahrscheinlich je für sie gewesen war.

Ein Ruck ging durch meinen verkrampften Körper. Mein Kampfgeist war erwacht. Verdammt nochmal, es reicht. Energisch reckte ich mich Kinn und drückte den Rücken durch. Dies hier ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang, und es ist deine Chance. Es ist an der Zeit, dein Leben neu zu ordnen.

Natürlich war mir klar, mich nicht völlig neu erfinden zu können. Aber ich würde mir einen interessanten Job suchen. Und es war an der Zeit, auch sonst wieder mit dem Leben zu beginnen. Wann hatte ich das letzte Mal Sex? Oder einen Mann getroffen? Ich hatte für diese Firma gelebt und nur noch ausschließlich dafür, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Mein Leben hatte nur noch aus Essen, Schlaf und Arbeit bestanden. Es war an der Zeit, aus diesem Trott auszubrechen und auch die letzten Altlasten zu entsorgen.

Unglaublich, aber gerade war mir klargeworden, welch einen Gefallen mein Chef mir getan hatte. Er hatte mich aus meinem selbstauferlegten Hamsterrad befreit und mir dann auch noch mit seiner überaus großzügigen Abfindung das Kapital für einen Neustart gegeben. Das würde mich über die nächsten Monate bringen und es mir ermöglichen, mich in Ruhe neu zu sortieren.

Ja, es ist verdammt bitter, durch eine Jüngere ersetzt zu werden. Aber zum Teufel auch – shit happens – und dies hier ist kein Weltuntergang, dachte ich und atmete tief durch. Mit einem Mal fühlte ich mich merkwürdig befreit. Es war, als sei ich aus einem tiefen, langen Dornröschenschlaf erwacht – ich lebte noch!

Ich wandte mich ab. „Willkommen Zukunft“, flüsterte ich und kehrte meinem alten Leben den Rücken zu.

 

Kapitel 2

 

Helena

 

Einige Monate später

 

„Du hast heute Abend ein Blind Date? Sag mal, hattest du nicht erst Ende letzter Woche etwas mit diesem Vierundzwanzigjährigen? Wie hieß er noch gleich? Juan?“

„Jerome“, korrigierte ich Katrin nachsichtig und fuhr fort, meine Tastatur zu bearbeiten. „Er heißt Jerome, ist Kubaner und ein begnadeter Tänzer.“

Fertig. Endlich. Die Abrechnung hatte es dieses Mal in sich gehabt und fast meine ganze Aufmerksamkeit benötigt – und das wollte etwas heißen. Normalerweise war es für mich kein Problem, die Abrechnungen unseres und der uns angeschlossenen Heime abzuwickeln und mich dabei noch mit meiner Kollegin zu unterhalten. Doch dieses Mal … naja. Jedenfalls hoffte ich stark, keine Fehler reingehauen zu haben, denn ein wenig hatte ich mich schon ablenken lassen.

Ich starrte auf den Monitor und überflog ein letztes Mal die Zahlen, bevor ich das Dokument abspeicherte und mich schließlich ausgiebig streckte.

„Tänzer?“, echote Katrin irritiert und starrte mich entgeistert an. „Seit wann gehst du tanzen?“

„Seit etwa zwei Monaten. Ich hatte dir davon erzählt, weißt du noch?“ Ich musste sie nicht anschauen, um zu wissen, dass sie unwillig den Mund verzog und die Stirn runzelte.

„Du sagtest damals etwas von – ich habe Lust, mal wieder tanzen zu gehen – aber du hast nicht erzählt, dass du dir einen Typen angelst, der halb so alt ist wie du, um mit ihm Sex zu haben.“

„Das war ja auch nicht geplant. Meine Güte. Ich war letzten Freitag in diesem Salsa-Club und Jerome war auch dort. Meine Lieblingsmusik lief, ich hatte ein paar Drinks und dann … naja, Jerome war eben gut und da habe ich mich dazu hinreißen lassen.“ Langsam aber sicher war ich es leid, mich für etwas rechtfertigen zu müssen, was eigentlich niemanden etwas anging. Ich war Single und zwar schon lange. Wen also sollte es stören, ob ich – und vor allen Dingen mit wem ich – Sex hatte?

„Du hast dich dazu hinreißen lassen? Sex zu haben mit einem Vierundzwanzigjährigen? Sag mal, was zur Hölle ist los mit dir? Was tust du, Lene? Ich erkenne dich nicht mehr wieder. Der Typ könnte dein Sohn sein. Oder der Freund deiner Tochter.“

Sie erfasste ihren Fehler in dem Augenblick, als sie es ausgesprochen hatte, doch nun konnte sie es nicht mehr zurücknehmen. Allerdings bemerkte ich sehr wohl ihre Betroffenheit und überlegte, was ich antworten sollte. Im Gegensatz zu ihr lösten ihre Vergleiche keine negativen Gefühle in mir aus, was mich selbst überraschte. Überhaupt wunderte ich mich in letzter Zeit immer öfter über mich selbst. Katrin hatte recht. Mein Verhalten entsprach in keinster Weise dem üblichen Benehmen einer Sechsundvierzigjährigen, sondern wäre eher von einer jungen Frau zu erwarten, die gerade mitten in ihrer Findungsphase steckte. Doch andererseits – wer legte fest, welches Verhalten sich für eine Frau meines Alters ziemte?

Für Katrin Sänger jedenfalls war das, was ich tat, alles andere als normal. Sie war nicht nur die Kollegin, mit der ich mir das Büro teilte, sondern wir hatten uns angefreundet, seit ich bei der Diakonie als Verwaltungsangestellte arbeitete. Allerdings war ihre konservative Lebenseinstellung der Grund dafür, weshalb ich ihr geflissentlich einige pikante Details verschwieg. Ich hatte einfach keine Lust darauf, mir auch noch von ihr anzuhören, wie falsch das war, was ich tat. Schlimm genug, dies bei fast jeder Gelegenheit von meiner Mutter vorgehalten zu bekommen. Es war nun mal nicht zu ändern, dass mir meine Dates mit deutlich jüngeren Männern besser gefielen. Sie gaben mir eine andere, wesentlich tiefere Befriedigung, und das nicht nur in sexueller Hinsicht. Es fühlte sich gut an, von einem jungen Mann umgarnt und hofiert zu werden. Bei ihnen fühlte ich mich erfahren, selbstsicher und sexy … und überlegen, setzte meine innere Stimme nach.

Weshalb hatte ich gleich nochmal überhaupt von meinem heutigen Blind Date erzählt? Wieso hatte ich nicht einfach meine Klappe gehalten und Stillschweigen bewahrt? Weshalb du es nicht getan hast? Das weißt du ganz genau. Du brauchst jemand zum Reden, verdammt nochmal. Du brauchst eine Freundin, jemanden, der dir zuhört und dich versteht. Die Stimme in meinem Inneren wurde immer lauter und klang von Mal zu Mal eindringlicher.

Dennoch haderte ich nicht damit, mich mit Jerome eingelassen zu haben. Ganz im Gegenteil. Der leidenschaftliche Kubaner war nicht nur ein begnadeter Tänzer, sondern auch ein exzellenter Liebhaber. Ich machte mir eher Gedanken darüber, gegen meine eigene, oberste Regel verstoßen zu haben – keinen Sex mit jemandem, den ich eventuell wiedersehen könnte. Jerome würde ich mit Sicherheit wieder über den Weg laufen, denn wir gingen beide in den gleichen Salsa-Club, wo ich am Wochenende so richtig die Seele baumeln lassen konnte. Er würde nicht einfach aus meinem Telefonverzeichnis und aus meinem Online-Dating-Profil zu löschen sein, so wie all die anderen. Ob ich dann darauf vorbereitet war? Natürlich nicht. Wie auch, war es doch das erste Mal, jemanden aus meinem Umfeld flachgelegt zu haben. Energisch schüttelte ich den Kopf. Damit würde ich fertigwerden – wie immer –, nicht aber mit der Ablehnung meiner einzigen Freundin, mit der ich auch noch das Büro teilte.

„Hör zu“, antwortete ich bedächtig, um nichts Falsches zu sagen. Ich wollte sie nicht noch mehr gegen mich aufbringen. Um wieviel leichter wäre es, wenigstens eine Verbündete zu haben, dachte ich seufzend. „Jerome ist nicht mein Sohn. Er ist Kubaner, ein heißer Typ, und es macht verdammt viel Spaß, mit ihm zusammen zu sein. Genau das ist es, was ich suche – ein wenig Spaß. Nicht mehr und nicht weniger.“ Ich sah ihr in die Augen. „Bitte versteh doch. Ich will dich nicht ärgern. Dich nicht, meine Tochter nicht und auch nicht meine Mutter. Aber es geht hier nicht um euch. Es geht um mich, um mein Leben. Habe ich nicht auch endlich mal ein wenig Glück verdient? Du hast deinen Kai, Milla ist in Frankfurt, sogar meine Mutter hat ihr eigenes Leben. Was ist mit mir?“

Das war zugegebenermaßen etwas zu dramatisch, doch damit hatte ich sie. Einmal mehr war Katrin – zumindest kurzfristig – wieder auf meiner Seite. Auch wenn sie bald wieder versuchen würde, mich von meinem Selbstfindungs-Trip auf den vermeintlich richtigen Pfad zu lenken – für den Moment hatte ich an ihr Gewissen appelliert und gewonnen. Sie nickte, erhob sich und kam zu mir, um mich kurz und heftig zu drücken. „Ach Lene. Natürlich will ich, dass es dir gutgeht. Ich glaube aber nicht, dass das, was du da tust, dich glücklich macht. Du hast Sex, das ja. Aber mal ehrlich, kann das wirklich alles sein, jeden dritten Tag einen anderen Mann abzuschleppen? Und dann noch welche, die dir intellektuell nicht mal annähernd das Wasser reichen können?“

Wie recht du hast! Und gleichzeitig liegst du völlig falsch. Ich kicherte. Zeit für einen Kaffee, befand ich und stand auf. „Wer sagt, dass sie das sollen? Wer geht schon mit Intellekt ins Bett, wenn man Spaß haben kann? Magst du auch einen Kaffee? Ich hol mir jetzt einen. Schließlich muss ich fit sein für heute Abend.“

Katrin starrte mich mit offenem Mund an. Dann schüttelte sie heftig den Kopf und ging zurück zu ihrem Platz. „Vergiss den Kaffee“, gab sie erwartungsvoll zurück. „Jetzt bin ich neugierig. Erzähl mir von ihm, komm schon.“

Seufzend ergab ich mich meinem Schicksal. „Er heißt Olli, zumindest nennt er sich so, und wir wollen uns in Heidelberg treffen, um uns zu beschnuppern.“

„Das klingt spannend. Was noch?“

„Er ist achtundzwanzig, Kunststudent an der Heidelberger Uni und wohnt in Handschuhsheim, in einer Drei-Mann-WG.“

„Weshalb ist so einer bei einer Dating-Seite angemeldet?“, fragte Katrin neugierig und traf damit genau ins Schwarze, denn genau das hatte ich mich auch schon gefragt.

„Einer seiner Mitbewohner fand es witzig, ihn bei Fun-And-More anzumelden. Wie auch immer. Laut seines Profils ist er 1,80 Meter groß und dunkelblond. Ein netter Typ eben. Falls er das auf dem Bild tatsächlich ist.“ Nach einer kurzen Pause fügte ich hinzu: „… und er hat eine wirklich schöne Stimme und spricht hochdeutsch.“

„Ihr habt schon telefoniert?“

„Ja, das mache ich immer so. Bevor ich nicht weiß, wie sich mein potentieller Bettgenosse anhört, treffe ich mich nicht mit ihm.“

„Interessant.“ Katrin sah mich prüfend an. „Und wenn die Chemie stimmt, wohin geht du dann mit ihm? Er wohnt doch in einer WG, also könnt ihr schlecht zu ihm. Willst du ihn dann ernsthaft mit zu dir nehmen?“

„Nein. Natürlich nicht“, gab ich überrascht zurück. Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. „Es gibt so viele Hotels, da findet sich sicher eine Lösung.“

Ich behielt es für mich, dass ich den Gedanken an Sex auf einem abgelegenen Parkplatz oder im Auto auch wahnsinnig anregend fand.

„Verstehe.“ Sie seufzte tief und stieß einen anerkennenden Laut aus. „Um ehrlich zu sein beneide ich dich fast ein wenig. Das alles klingt äußerst aufregend und spannend. Außerdem steht dir dein Sex-Rausch ausnehmend gut. Du wirkst völlig anders. Jung und aufgedreht. Überhaupt nicht wiederzuerkennen.“

„Findest du?“, fragte ich, obwohl ich genau wusste, was sie meinte. Dies hatte ich die letzten Monate schon zur Genüge gehört und wünschte mir, sie meinte es so aufrichtig und lieb, wie es sich angehört hatte.

„Ja. Schau doch nur. Deine Augen funkeln unternehmungslustig und hellwach, deine Haut ist wundervoll glatt, deine Haare glänzen und abgenommen hast du auch ganz schön.“

Ich spürte, wie ich errötete. „Ja, das stimmt. Sex ist ein wundervolles Training.“ Was ich ihr verschwieg war die Tatsache, dass es nicht nur ein paar Kilo, sondern über vierzig Pfund waren, die ich abgenommen hatte – ganze drei Kleidergrößen. Endlich passte ich wieder in Größe 46. Es war ein tolles Gefühl und ein Grund mehr, nicht damit aufzuhören.

„Okay. Wenn das so ist, versuche ich damit klarzukommen, dass meine Singlekollegin mehr Sex in einer Woche hat, als ich in einem ganzen Monat“, gab Katrin gespielt verstimmt zurück. „Hör zu. Falls du merkst, dass was schiefläuft, funk mich an und ich komme dich retten.“ Ihre Miene war unmissverständlich und drückte wilde Entschlossenheit aus.

„Natürlich. Was denkst du denn? Meinst du etwa, ich will dir die ganze Arbeit überlassen?“, flachste ich und drehte mich um. „Was ist jetzt mit Kaffee?“

„Na gut. Bring mir einen mit.“

„Kaffee oder einen Mann?“, fragte ich lachend und stürmte zur Tür, wo ich jäh gegen eine harte Muskelwand prallte, die zu meinem Kollegen Christian Sternbach gehörte.

„Ups“, „Sorry“, riefen wir gleichzeitig, und während ich staunend darüber nachdachte, wie gut sich der weiche, frisch duftende Baumwollstoff des Hemds meines Kollegen an meiner Wange anfühlte, machte er auch schon einen Schritt zurück und hinterließ in meinem Kopf eine merkwürdige Leere. „Das wollte ich nicht.“ Klang seine Stimme belegt, oder bildete ich mir das nur ein?

„Kein Problem“, murmelte ich merkwürdig verwirrt. Dann hob ich den Kopf und sah zu ihm auf. Wieso war mir zuvor nicht aufgefallen, wie groß er war? Und weshalb hatte ich nie bemerkt, wie faszinierend seine Augen waren? Du hast nie über ihn nachgedacht, weil du viel zu sehr mit deinem Junggemüse beschäftigt bist und er nicht in dein Beuteschema passt.

Nun jedoch stand er so dicht bei mir, dass ich sein männlich-herbes Aftershave riechen konnte, während er aus sturmgrauen Augen auf mich heruntersah. Sie wirkten hinter seiner dunkel gerahmten Brille hellwach und noch immer leicht erschrocken. Sein leichter Bartschatten und die viel zu langen, angegrauten Haare umrahmten ein gut geschnittenes, markantes Gesicht.

Ein ordentlicher Haarschnitt und er ist unwiderstehlich, dachte ich und bemerkte, wie ich leicht errötete.

Was er wohl in der Verwaltung wollte? Ich wusste, dass er einer unserer Heilerziehungspfleger war, der die Bewohner in Haus Drei betreute. Hier bei uns hatte ich ihn bis eben noch nie gesehen, sondern immer nur auf dem Parkplatz aus der Ferne oder in unserer Gemeinschaftskantine. Zwar wusste ich von Katrin, dass wir im gleichen Jahr geboren waren, doch gleichzeitig hatte genau dieses ihn für mich auch uninteressant gemacht – bis eben.

Ich setzte gerade an, ihn danach zu fragen, als mir Katrin zuvorkam. „Oh, hallo Chris. Was können wir für dich tun? Schön, dass du uns besuchen kommst. Du bist eine willkommene Abwechslung, nicht wahr, Lene?“, rief sie fröhlich und strahlte zu uns herüber.

Na super. Nicht nur, dass Katrin unseren Kollegen ganz offen anflirtete, sie hatte mir auch meine Frage vorweggenommen, und da mir gerade nichts Besseres einfiel, murmelte ich nur: „Auf jeden Fall. Falls mich jemand sucht, ich bin Kaffee holen.“

Verlegen und über mich selbst erstaunt, quetschte ich mich an ihm vorbei und marschierte so schnell ich konnte den Gang hinunter zu unserer kleinen Kaffeeküche.

Was, bitte schön, war das denn gewesen? Normalerweise war ich weder verlegen, noch schüchtern oder auf den Mund gefallen. Das konnte nur an dem Überraschungsmoment unseres Zusammenstoßes liegen.

Als ich einige Minuten später mit zwei dampfenden Kaffeebechern zurückkam, saß Katrin alleine im Zimmer. Christian war bereits wieder gegangen. Sie sah hoch, als ich hereinkam, sprang auf und kam mir entgegen, um ihren Becher in Empfang zu nehmen.

„Mensch, wieso bist du nur so schnell abgehauen? Chris ist ein toller Kerl, du hast eindeutig etwas versäumt.“

„Und du ganz eindeutig vergessen, dass du verheiratet bist“, gab ich ungerührt zurück.

„Hallo? Geht’s noch? Das sagst ausgerechnet du, die mit sämtlichen Konventionen gebrochen hat und tut, was ihr gefällt? Du hältst mir einen Vortrag darüber, dass ich unseren Kollegen nett finde und mit ihm geplaudert habe?“ Katrin schien sich köstlich über mich zu amüsieren, was ich komischerweise gar nicht lustig fand – und zwar deswegen nicht, weil ich mir meine merkwürdig verklemmte Reaktion selbst nicht erklären konnte.

„Hast ja recht“, lenkte ich schließlich ein und ließ mich seufzend auf meinen Stuhl fallen. In weniger als vier Stunden würde ich wieder einmal mehr ein gesellschaftliches Tabu brechen und mich mit einem Mann treffen, der fast zwanzig Jahre jünger war als ich. „Warum also war unser lecker Sahneschnittchen hier?“, fragte ich salopp und erntete prompt einen Lacher.

„Unsere Sahneschnitte wollte wissen, wieviel Urlaub er noch hat, und da er Bewegung nötig hatte, hat er beschlossen, persönlich nachzufragen.“

Urlaub. Das brachte in mir etwas zum Schwingen und ließ mich kurz mit den Gedanken abdriften. Hatte ich doch meinen letzten Urlaub abgebrochen und mittlerweile schon seit fast fünf Jahren keinen richtigen mehr gehabt. „Ach so. Na dann.“ Mit einem Blick auf die Uhr begann ich, meine Schreibutensilien zusammen zu klauben. "Ich mache Schluss für heute. Meine Konzentration ist eh zum Teufel und Lust habe ich auch keine mehr.“ Hastig trank ich meinen Kaffee leer.

„Guter Plan. Ich mach die Statistik noch fertig, dann höre ich auch für heute auf.“ Sie sah mich mit einem fürsorglich-mütterlichen Blick an, was an sich schon merkwürdig war, denn immerhin war sie fast zehn Jahre jünger als ich. „Pass auf dich auf. Eine Nachricht und ich bin da.“

„Gut zu wissen. Mach nicht mehr so lange. Wir sehen uns morgen.“

„Das will ich hoffen. Wer weiß, ob du dann noch laufen kannst.“ Katrins Frotzeln ließ mich laut auflachen.

„Du bist unmöglich, aber das weißt du ja. Also dann, bis morgen.“

 

Drei Stunden später überprüfte ich ein letztes Mal mein Aussehen und war wieder einmal mehr überrascht darüber, was ein wenig Schminke und vorteilhafte Kleidung alles bewirken konnten. Mir gefiel, was ich sah, obwohl ich selbst meine schlimmste Kritikerin war. Aber gerade wirkte ich frisch und vital, was meine Laune extrem hob und mich selbstsicher machte. In diesem Outfit konnte ich es locker mit einer jüngeren, schlankeren Frau aufnehmen. Ich durfte nur nicht vergessen, mich liegend auszuziehen und Olli schnell und gründlich einzuheizen, sodass für ihn eine genauere Inspektion meines Körpers nicht mal ansatzweise infrage kam.

Nackt würde ich die Spuren der starken Gewichtsschwankungen und meine schwerkraftgeplagten Brüste nicht verheimlichen können.

Leocardia Sommer

Autorin mit Herz und Kurven

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

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© Leocardia Sommer