Leseprobe Eiskalte See

Jade Michaels holte tief Luft und tauchte erneut nach dem Mann, den sie vor wenigen Sekunden hatte untergehen sehen. Sie gehörte zur Lifeguard des Staates Wisconsin, die entlang des weitläufigen Ufers des Lake Michigan ihren Dienst tat. Momentan befand sie sich am südlichsten Zipfel der Whitefish Bay und versuchte verzweifelt, die Umrisse des Mannes auszumachen, der in den Tiefen des Sees zu ertrinken drohte. Bereits in zwei Meter Tiefe konnte man im Wasser fast gar nichts mehr erkennen, weswegen Jade bezweifelte, den Mann überhaupt noch finden zu können. Doch – da. Rechts von ihr sah sie schemenhaft eine Gestalt, die wild mit den Beinen strampelte, so als wolle sie sich von etwas losreißen. Jade, die diesen Teil des Sees sehr gut kannte, wusste jedoch, dass es hier weder Algen noch sonst irgendwelche Pflanzen gab, die einen erwachsenen Mann festzuhalten vermochten, und vermutete, dass der Schwimmer einfach Panik hatte. Also tauchte sie auf, holte tief Luft, damit ihr der Sauerstoff reichte, um ihn zu erreichen, und tauchte wieder unter. Näher an ihn herangekommen, stellte sie erstaunt fest, dass er eine komplette Taucherausrüstung trug. Das hatte sie zuvor aus der Entfernung nicht erkennen können. Vielleicht hatte er keinen Sauerstoff mehr und war darüber in Panik geraten, überlegte sie. Oder er war zu schnell aufgetaucht und jetzt desorientiert. Er schien sie nicht wahrzunehmen, sondern sich auf etwas zu konzentrieren, das sich unter ihm befand. Langsam, mit ruhigen, kräftigen Zügen, näherte Jade sich dem Taucher. Nicht, dass der Mann sich erschrecken und noch panischer werden würde. Jade selbst war etwas über 1,70 Meter und er schien nicht viel größer zu sein als sie. Er war zwar schlank, doch sollte er sich gegen sie zur Wehr setzen, würde es nicht einfach werden, ihn zu retten. Als sie nahe genug war, seine Hand zu greifen, hob der Mann plötzlich den Kopf und starrte sie an. Eiskalt, blitzartig durchfuhr sie dieser eine Gedanke und eine furchtbare Angst überkam sie. Sein Blick war eiskalt und tödlich und alles andere als ängstlich. Er war nicht in Not. Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Er schien gewusst zu haben, dass jemand nach ihm suchte. Was, wenn er auf dich gewartet hat? Dieser Gedanke war weitaus schlimmer und setzte ihre antrainierte Ruhe außer Kraft. Und obwohl sie fassungslos realisierte, dass nicht er es war, der sich in Gefahr befand, sondern sie, waren ihre Reaktionen viel zu langsam. Abhauen. Los, beweg dich. Gerade als sie Anstalten machte, davonzuschwimmen, warf der Mann sich nach vorne und drückte sie mit seinem Gewicht unter sich. Er zerrte an ihren Beinen, während seine Blicke, die sie streiften, fast bedauernd waren. Jade überkam die Panik wie eine Sturmflut, die ihr rationales Denken komplett ausschaltete. Verzweifelt versuchte sie, seinen Körper über ihr loszuwerden, hatte jedoch keine Chance. Sie spürte einen Stich und dann, urplötzlich, war er nicht mehr über ihr, sondern stieß sich von ihr ab und tauchte nach unten ab. Was zum Teufel war das? Hatte sich der Kerl einen Scherz mit ihr erlaubt? So ein verdammter Idiot, dachte Jade erleichtert, doch das Glücksgefühl, ihn losgeworden zu sein, hielt nicht lange an. Sie spürte einen schmerzhaften Ruck an ihrem rechten Fußgelenk und etwas zog sie heftig nach unten in die Tiefe. Oh nein. Das darf doch nicht wahr sein, dachte sie erschüttert und versuchte verzweifelt, gegen ihn anzuschwimmen. Er hatte sie festgebunden. Fast hätte sie hysterisch gelacht, musste sie doch an Käpt’n Ahab aus dem Klassiker Moby Dick denken. Da war der Wal einfach abgetaucht und hatte den Kapitän mit sich gerissen. Falle. Sie war in seine gottverdammte Falle getappt. Dieser Kerl hatte so getan, als sei er in Not, um einen der Rettungsschwimmer zu sich zu locken. Wieso kam sie nur kein Stück voran? Ihre Glieder schienen ihr nicht zu gehorchen und obwohl sie mit aller Kraft versuchte, sich nach oben zu stoßen, tat sich – gar nichts. Er hat dich betäubt, dachte sie, konnte den Gedanken jedoch nicht festhalten. Während sie verzweifelt nach einem Ausweg suchte, der ihr partout nicht einfallen wollte, wurde sie immer weiter hinabgezogen und ihr wurde die Luft knapp. Kurz dachte sie daran, dass Mike, ihr Kollege, sie gerade heute Morgen ermahnt hatte, unbedingt vorsichtiger zu sein und niemals wieder irgendwelche Alleingänge zu riskieren. Wieso konnte sie auch nie auf ihn hören? Ihre Kollegen befanden sich an einem anderen Strandabschnitt. Oder sie hielten jetzt gerade Ausschau nach ihr und wunderten sich, dass sie nicht mehr zu sehen war. Sie wusste es nicht. Jade war eine ausgesprochen gute Schwimmerin und es war unwahrscheinlich, dass sie bei absolut ruhigem Gewässer wie heute – einfach so – untergehen würde. Sicher würden sie sich dafür entscheiden, nach ihr zu schauen, auf den Jet-Ski springen und sich auf die Suche nach ihr machen. Dumm nur, dass sie ihren Kollegen nichts von ihrem Vorhaben gesagt hatte und einfach losgeprescht war, und das ohne ihre Rettungsboje, die brav an ihrem Beobachtungsposten lag. Bis die beiden auch nur die richtige Richtung einschlagen würden, war sie bestimmt längst tot. Bereits jetzt schrien ihre Lungen nach Luft. Ihre Gedanken begannen, sich flirrend zu verflüchtigen. Jade schaffte es unter optimalen Bedingungen, ungefähr 150 Sekunden die Luft anzuhalten, doch dies hier waren wahrlich nicht die besten Umstände. Der Druck, der sich in ihrem Brustkorb aufbaute, war unbeschreiblich und erneut versuchte sie mit aller Macht, ihre Hände zu heben. Wenn sie es schaffte, ihm das Mundstück zu entreißen … Doch wie sollte sie an seinen Kopf herankommen? Der Scheißkerl tauchte ein gutes Stück unter ihr und sie konnte sich nicht bewegen. Messer. Greif dein Messer, schrie es in ihrem Kopf, doch es war zu spät. Panisch rollte sie mit den Augen und riss den Mund auf. Sie hielt es nicht mehr aus. SIE BRAUCHTE LUFT. Und entgegen all ihren erlernten Notfallmaßnahmen holte sie tief Luft … Das Letzte, was sie bewusst wahrnahm, war das schreckliche Gefühl, als sich ihre Lungen mit dem kalten Wasser des Sees füllten. Dann wurde sie von der gnädigen Schwärze umhüllt…

 

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Leocardia Sommer