Leseprobe Der talentierte Liebhaber

Der talentierte Liebhaber

Stöhnend und in Zeitlupentempo öffnete Annika ihre Augen, nur um sie gleich wieder ganz fest zusammenzukneifen. Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre sie damit mehrmals stürmisch gegen eine Wand gelaufen. Was zur Hölle… Bruchstückhaft kam die Erinnerung zurück. Es war ein lauter, aber extrem lustiger Abend gewesen, in dessen Verlauf sie wohl doch erheblich mehr Hugos und Caipis getrunken hatte, als gut für sie gewesen wäre. Aber wieso war sie so dermaßen entgleist? Normalerweise trank Annika fast keinen Alkohol, machte sich nicht viel aus Prosecco, Wein und Co. Und eigentlich noch weniger aus härteren Getränken. Doch gestern? Ach ja. Genau. Sie war mit ihren Freundinnen Kathi, Tanja und Anna auf dieser Party gewesen. Unten an der Hotelbar. Und sie hatten richtig viel Spaß gehabt. Nebulös kam die Erinnerung zurück an einen gut aussehenden, bärtigen Mann mit unglaublichen Augen, der sie so charmant angelächelt hatte… Ja, sie hatten heftig gefeiert. So jedenfalls erzählte es ihr Schädel… Was hatte sie erwartet? Nichts anderes. Natürlich würde ein Treffen von vier Freundinnen, die verstreut über die halbe Republik wohnten, genau so enden. Feuchtfröhlich und mit rasenden Kopfschmerzen am Morgen danach…

Das war Annika gleich klar gewesen, als sie sich von Kathi hatte dazu überreden lassen, mit ihr, Anna und Tanja ein verlängertes Wochenende in Garmisch-Partenkirchen zu verbringen. „Wir brauchen alle mal wieder eine Auszeit. Also pack ein paar Sachen ein, das wird lustig“, hatte sie Annika gelockt. „Außerdem ist es dein Geburtstag. Du wirst nicht jedes Jahr ein Vierteljahrhundert und da wollen wir dir etwas ganz Besonderes schenken." Es rührte Annika, was ihre Freundinnen für sie geplant hatten. Schließlich machten sich nicht viele Freunde die Mühe und luden einen zu einem schönen Verwöhnwochenende ein. Dazu kam, dass Annika wirklich dringend ein paar larsfreie Tage gebrauchen konnte. Wie immer hatte Kathi verdammt recht gehabt und so war es nicht schwer gewesen, sie davon zu überzeugen.

Niemals hatte Annika geglaubt, im Netz Menschen zu treffen, mit denen man sich so verbunden fühlen konnte, denen man sich so nahe fühlte, als sie sich vor über drei Jahren in einem sozialen Netzwerk kennengelernt hatten. Doch das gab es wirklich, wie sie schon bald festgestellt hatte. Anfänglich hatten sie sich in einer Gruppe öffentlich ausgetauscht, bis sie sich entschlossen, eine eigene kleine Gruppe zu gründen, in der sie sich gegenseitig Alltägliches, aber auch immer mehr sehr persönliche und intime Gedanken und Begebenheiten aus ihrem Leben erzählten. Von Beginn an war dieser Austausch untereinander mehr als nur das oberflächliche Schreiben von Informationen. Es verband sie eine Art Seelenverwandtschaft und so war der nächste logische Schritt, sich persönlich zu treffen. Und sie hatten sich getroffen und das nicht nur einmal. Mittlerweile pflegten sie eine sehr innige und enge Freundschaft. Und das, obwohl Anna mit ihrem Mann in Nürnberg lebte und ihrem Job als Zahnarzthelferin nachging und Kathi noch immer auf dem Hof ihrer Eltern bei Heidelberg wohnte, wo sie auch zur Uni ging und ihre Ausbildung zur medizinisch-technischen Radiologieassistentin absolvierte. Tanja hingegen war vor einigen Wochen erst von Hamburg zu ihrem Freund Thomas nach Cham in Bayern gezogen. Thomas hatte sich in Cham als Chiropraktiker niedergelassen und nachdem seine Praxis mittlerweile recht gut lief, war dies ihre einzige Option gewesen, wenn sie zusammenwohnen wollten. Annika selbst wohnte in München und arbeitete dort in der Marketingabteilung einer bekannten Brauerei, die zufällig seit Generationen ihrer Familie gehörte. Diesen Job hatte sie ihrem Vater, der die Geschäftsleitung innehatte, zu verdanken, worüber sie auch sehr glücklich gewesen war. Allerdings, und das musste sie sich schmerzlich eingestehen, war längst nicht mehr alles so rosig, wie sie sich das zu Anfang vorgestellt hatte. Zwar hatte sie Medien- und Kommunikationsmanagement studiert und war absolut qualifiziert für diese Stelle, doch es gab einige Menschen in der Firma, die Annika den Job neideten. Deswegen und auch, um endlich völlig auf eigenen Füßen zu stehen, hatte sie beschlossen, dass es an der Zeit war, die Flügel auszubreiten. Sie schrieb bereits fleißig Bewerbungen, von denen ihr Vater noch nichts wusste. Nicht einmal Lars wusste davon. Lars. Ihr Lars. JA. Kathis Idee, ein wenig abzuschalten und rauszukommen, war Annika sehr gelegen gekommen…

Vorsichtig drehte sie den hämmernden Kopf und schielte gequält zwischen den zusammengekniffenen Lidern hervor. Boa. Ihre Schenkel schmerzten wie nach einem anstrengenden sportlichen … Akt! Annika horchte in sich hinein und bemerkte, dass ihre Spalte leicht und gleichmäßig pochte. Reflexartig zog sie ihre Muskeln zusammen und fühlte, wie sich das köstliche Gefühl von Wärme in ihr ausbreitete. Sie war wund. Was war hier los? Wieso fühlte sie sich, als hätte sie letzte Nacht Sex gehabt? Wilden, leidenschaftlichen Sex… mit fantastischen und deutlich spürbaren körperlichen Nachwirkungen. Oh Gott. Urplötzlich kam ihre Erinnerung zurück. Natürlich. Ihre Muskeln schmerzten wie nach einem Sexmarathon, weil sie Sex gehabt hatte. Ach du je. Scheiße. Jäh überkam sie ein Gefühl der Scham, was sie jedoch zunächst verdrängen musste, denn der Drang, aufs Klo zu müssen, war wesentlich stärker. Annika zog die Bettdecke zur Seite und stellte fest, dass sie splitterfasernackt war. Logisch. Was auch sonst? Wieder wünschte sie sich, nicht so viel getrunken zu haben. Eigentlich hasste Annika es, nackt zu schlafen. Selbst im Hochsommer trug sie wenigstens einen Slip und ein Hemdchen im Bett, was Lars immer missmutig stimmte.

„Stell dich nicht so an. Jeder schwitzt, nur du musst dich so zieren“, pflegte er zu sagen, um dann in Unverständnis den Kopf zu schütteln. Okay. Nackt sein und Sex gehabt zu haben war das eine – allerdings war derjenige, mit dem sie Sex haben sollte, weit weg… Lars. Verdammt. Sie hatte mit ihm vereinbart, sich jeden Tag zu melden. Dies hatte sie gestern Abend dummerweise total vergessen. Ob er deswegen sauer sein würde? Ja, das ist er ganz sicher, dachte Annika frustriert und seufzte leise, während sie vorsichtig die Beine über den Bettrand schob. Toilette. Dringend. Annika suchte den Boden nach ihren Hausschuhen ab, doch außer ihres Slips und einer Socke konnte sie auf dem blanken Dielenboden nichts finden. Sie bückte sich nach vorne, um unter dem Bett nachzusehen, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung in der anderen Hälfte des großen Doppelbettes wahrnahm. Ein langer nackter Arm lugte unter der Decke hervor und bewegte sich tastend in ihre Richtung.

„Willst du etwa schon gehen?“ Die verschlafene, raue Männerstimme war so leise, dass Annika im ersten Moment glaubte, sich verhört zu haben. Sie verharrte mitten in der Bewegung, als hätte man sie in Schockstarre versetzt. Schlagartig waren ihre Kopfschmerzen und die Steifheit ihrer Glieder vergessen und eine Welle von Panik breitete sich in ihr aus.  What the hell…? Scheiße. Wie hieß er gleich nochmal? Sam? Nils? Felix. Sein Name war Felix. Sie fuhr so schnell herum, dass ihr Halswirbel protestierend knackte. Gleichzeitig fuhr ein stechender Schmerz glühend heiß in ihren Hinterkopf, sodass ihr speiübel wurde. Ihr blieben nur wenige Sekunden, um es ins Badezimmer zu schaffen... Wenn sie doch nur wüsste…

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

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© Leocardia Sommer