Leseprobe Dating the Boss

Simon seufzte entnervt und schloss erschöpft die Augen. Was hatte diese Frau bloß an sich, was in ihm nur die schlechtesten Manieren hervorbrachte? Normalerweise war er Frauen gegenüber höflich und galant, nicht so bei Pauline Sturm. Irgendetwas an ihr reizte ihn und ließ ihn Dinge sagen, die ihm sonst im Traum nicht einfielen.

Es war fast unmöglich gewesen, mit ihr konzentriert und analytisch zu arbeiten, unter anderem auch deswegen, weil er sich extrem anstrengen musste, ohne seine Kontaktlinsen und ohne Brille alles lesen zu können, doch schließlich hatten sie es geschafft. Beinahe hätte er über ihren stürmischen Abgang gelacht, denn kaum waren sie mit den letzten Unterlagen durch gewesen, war sie so schnell wie möglich aus seinem Arbeitszimmer geflüchtet und hätte dabei um ein Haar diese dumme Stehlampe umgerissen.

Er dachte an ihren krampfhaften Versuch, die Fassung zu wahren und nicht von ihm abzurücken, als sie Schulter an Schulter über den Akten gebrütet hatten. Dabei hatte ihr Gesicht vor Anspannung wie eingefroren gewirkt, während in ihren Augen ein deutlich sichtbarer Kampf tobte. Natürlich hatte Simon Pauline ihr Dilemma angesehen, sich jedoch davor gehütet, es anzusprechen. Leider war es bei ihrem Versuch, seinen Erklärungen aufmerksam zu folgen, geblieben und so hatte er ihr aufgrund ihrer Unkonzentriertheit fast alles zweimal erläutern müssen.

Allerdings, und das wunderte ihn selbst am meisten, war er deshalb kein bisschen ungeduldig geworden – ganz im Gegenteil. Simon hatte Paulines Gegenwart und die gezwungene Nähe zu ihr in vollen Zügen genossen. Er dachte an ihren blumig frischen Geruch, ein wenig wie Flieder, nach dem ihre Haare dufteten. Ihre vollen Lippen und die niedlichen Sommersprossen auf ihrer kleinen, geraden Nase gefielen ihm und wurden von diesen extrem ausdrucksstarken Augen nur noch verstärkt, obwohl sie sie hinter dieser großen, dunklen Brille zu verbergen schien. Und wieso waren ihm diese Dinge nicht schon viel früher aufgefallen? Sicher, es hatte sich in den letzten Monaten ergeben, dass er nun öfters auch mal im Büro anzutreffen war, obwohl er seine Zeit normalerweise fast gänzlich draußen auf den Baustellen verbrachte. Und bisher war er an Pauline Sturm einfach vorbeigestürmt, ohne sie dabei richtig anzusehen. Simon schüttelte unwillig den Kopf und versuchte, sich wieder auf seinen bevorstehenden Termin zu konzentrieren.

Pauline Sturm war tabu für ihn und sowieso nicht sein Typ, weil viel zu kräftig. Er dachte an Corinna, die, was die Figur anging, deutlich besser abschnitt als Pauline. Grazil, schlank und langbeinig, das waren Attribute, die er sehr wohl zu schätzen wusste. Pauline Sturm hingegen war klein, pummelig und ungeschickt, was sie heute sehr lebhaft demonstriert hatte. Außerdem plapperte sie viel zu viel. Nein, eindeutig nicht mein Fall, entschied er und wählte die Nummer seines Bruders, der wider Erwarten sofort abnahm.

„Na, seid ihr endlich fertig?“, fragte Christian Kessler süffisant und grinste vor sich hin, als er die genervt klingende Stimme seines großen Bruders hörte.

„Ja, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Unser Fräulein Sturm hat mir auch noch die Brille zerschlagen und ich vermute, sogar mit Vorsatz. Sie hat unser Gespräch zumindest teilweise mit angehört und war vorhin ziemlich sauer“, erwiderte Simon verhalten.

„Ups, das klingt nicht sonderlich gut. Pass auf, sonst kriegst du noch ’ne Anzeige wegen Beleidigung – ich sag nur Trampeltier und Tollpatsch, so hast du sie doch glaube ich genannt, oder?“

„Sei ruhig, du Spinner. Diese Frau nervt total, aber was soll’s. Denk bitte an den Termin mit Blumfeld. Du wolltest mir noch zwei oder drei Dinge mailen, vergiss das nicht.“

„Shit. Danke, dass du mich daran erinnerst. Fräulein Stürmisch kann dir die Unterlagen rauslegen, sie ist mit dem Vorgang vertraut. Ganz ehrlich, ich glaube, du schätzt sie falsch ein. Sie ist kompetent und sehr zuverlässig und alles andere als tollpatschig, von einem Trampeltier mal ganz abzusehen.“

„Mhm, das war nicht gerade nett, das gebe ich zu, aber was habt ihr nur alle mit ihr? Sie ist nervös, unkonzentriert und plappert in einer Tour merkwürdiges Zeug.“

„Ja, das gilt aber nur dann, wenn du in der Nähe bist, und genau diese Tatsache sollte dir zu denken geben. Alter, die Frau steht so offensichtlich auf dich – sie könnte sich genauso gut ein Schild umhängen.“

„Du glaubst doch nicht wirklich, was du da von dir gibst. Pauline Sturm soll auf mich abfahren?“ Simon hätte vor Schreck fast den Hörer fallen lassen. „Sag mal, bist du vollkommen verblödet? Woher kommt dieser Mist?“

„Ich würde mal sagen, es steht ihr ins Gesicht geschrieben. Jedes Mal, wenn du in ihre Nähe kommst, wird sie hektisch, läuft rot an und wird kurzatmig. Entweder fängt sie an, ohne Punkt und Komma zu plappern, oder aber sie bekommt gar nichts heraus. Ich sage dir, diese Frau ist verrückt nach dir. Ich weiß nicht viel, aber hey, Alter, von Frauen versteh ich was, das solltest du mittlerweile wissen. Ganz ehrlich: Wenn Pauline Sturm nicht unsere beste Kraft seit Langem wäre, würde ich dir raten, dein Glück zu versuchen. Sie täte dir tausendmal besser als Corinna, das kannst du mir glauben.“

„Sag mal, hast du was geraucht? Corinna ist meine Freundin, die Frau an meiner Seite. Hast du dir Fräulein Sturm mal richtig angeschaut? Ich meine, hallo …! Das ist nicht dein Ernst! Pauline ist unförmig, hat einen Arsch wie … na egal und dann der Rest … Nein, also wirklich, das geht gar nicht.“

„Seit wann, mein Lieber, bist du so verdammt oberflächlich? Pauline ist klug, aufgeweckt und witzig, was man von Corinna nicht gerade behaupten kann. Corinna hat ihren Kopf – Pardon – ausschließlich zum Frisieren. Hätte sie nicht diesen geilen Hintern und die riesigen Brüste … aber egal, Pauline Sturm ist für dich sowieso tabu.“

„Wie meinst du das schon wieder?“ Langsam, aber sicher gingen Simon die Sprüche seines kleinen Bruders auf den Zeiger.

„Na hör mal, du bist ihr Boss. Sie wäre bescheuert, mit dir auszugehen. Pauline mag auf dich stehen, aber so wie ich sie einschätze, ist sie eine Frau mit festen Prinzipien, da bin ich ziemlich sicher.“ Christian lachte leise. „Vielleicht, wenn du lieb bitte, bitte sagst, aber auch nur vielleicht, großer Bruder. Obwohl – nein, auch dann nicht …“

„Das ist doch … du hast sie wirklich nicht mehr alle …“ Simon schnaubte verächtlich. „Das ist völlig indiskutabel und abwegig. Pauline Sturm reizt mich nicht – überhaupt nicht. Das ist völlig absurd, kapiert?“

Christian lachte leise. „Natürlich, wer’s glaubt“, murmelte er. „Red dir das nur selber weiter ein. Verplempere deine Zeit mit Corinna, aber heul mir nicht irgendwann die Ohren voll …“

Simon hatte genug. „Jetzt reicht’s. Hast du noch etwas Produktives von dir zu geben, oder wolltest du mich einfach nur auf die Palme bringen?“, donnerte er ins Telefon und war versucht, den Hörer hinzuknallen.

„Eigentlich bringst du dich schon selbst auf die Palme, aber wenn du mich so fragst …“

„Wieso bist du eigentlich so verdammt fröhlich? Läuft wohl mehr als gut mit deinem neuen Lover. Sehen wir mal, wie lange.“ Sobald Simons gehässige Reaktion auf das nervige Geschwätz seines Bruders seinen Mund verlassen hatte, hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Christian konnte schließlich nichts für seine schlechte Laune und er fügte etwas milder hinzu: „Nichts für ungut, du Spinner. Ich werde jetzt weiter deinen Scheiß hier machen. Viel Spaß noch und behalte deine Weisheiten künftig gefälligst für dich.“

Sein Bruder lachte laut. Offenbar hatte ihm Simons Spitze nicht im Mindesten die Laune verdorben. „Das, mein Lieber, kann ich dir leider nicht versprechen. Liebe Grüße an Frau Sturm.“

Bevor Simon antworten konnte, hatte sein Bruder bereits aufgelegt. „Idiot“, murmelte er und fragte sich mit dröhnendem Schädel, was zur Hölle in seinen kleinen Bruder gefahren war. Wie kam er bloß auf den völlig abwegigen Gedanken, Pauline Sturm würde besser zu ihm passen als Corinna, seine derzeitige Freundin? Christian musste völlig von Sinnen sein, oder er litt unter einer akuten Sehschwäche. Er beschloss, nicht mehr an den Unsinn, den sein Bruder verzapft hatte, zu denken, und widmete sich stattdessen wieder dessen liegen gebliebener Arbeit. Schließlich musste einer in der Familie ja der Vernünftige sein …

Leocardia Sommer

Autorin mit Herz und Kurven

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

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© Leocardia Sommer