Leseprobe Evi startet durch - Runde Tatsachen 2

„Du hast fünf Minuten“, sagte er leise. „Wenn du dann nicht bei mir bist, komm’ ich dich holen.“ Er wollte weggehen, überlegte es sich jedoch anders und zog sie stattdessen an sich. Sein heißer, inniger Kuss ließ keinen Raum für etwas anderes als die klare Ansage: du gehörst mir. „Noch viereinhalb“, sagte er atemlos grinsend und streichelte sachte über ihre feuchten und geröteten Lippen. „Na los – geh’ schon.“

Aufgeregt tigerte Josh in seiner Küche hin und her. Ihm war sehr wohl aufgefallen, dass Evis Stimmung aus unerfindlichen Gründen gekippt war, seit sie in seiner Wohnung war. Seine Vermutung hatte sich bestätigt. Aus Angst vor ihrer eigenen Courage wäre sie ihm beinahe davon gerannt. Zehn Sekunden später und sie wäre weg gewesen. Tief durchatmend und mit vor Anspannung feuchten Händen überlegte er, ob er einen Weißwein oder lieber einen Rotwein öffnen sollte, als er seine Badezimmertür knarren hörte. Auf keinen Fall durfte er Evi drängen – soviel war klar, denn dass würde sie verscheuchen und zwar ein für alle mal. Evi war ihm wichtig geworden und das so schnell, dass er es selbst nicht für möglich gehalten hätte. Josh wischte seine schweißfeuchten Hände an der Jeans ab, schnappte sich die Weinflasche und zwei Gläser und ging ihr entgegen.

 

Was zur Hölle tat sie hier? Evi stand ohne Unterwäsche im Badezimmer eines Mannes, den sie vier- oder fünfmal die letzten beiden Wochen gesehen hatte. Den Liebestöter hatte sie samt Slip in ihre Handtasche gestopft. Eigentlich war es zum Brüllen komisch, doch sie konnte nur ungläubig über sich selbst den Kopf schütteln. Es war ihr nicht zum Lachen zumute. Als sie sich im Badezimmerspiegel gesehen hatte, war ihr auf einen Schlag wieder bewusst geworden, wie extrem unterschiedlich Josh und sie waren. Sie: über 30, deutlich übergewichtig und alles andere als in Form, und er: ein gut gebauter, kräftiger Mann Ende Zwanzig, der jede Menge anderer Frauen haben konnte.

DAS KONNTE EINFACH NICHT GUTGEHEN.

„Ich muss dieser Charade endlich ein Ende setzen“, dachte sie und seufzte müde. Wie oft hatte sie sich das in den letzten Stunden jetzt schon gedacht? Gefühlt alle 10 Minuten. Tief durchatmend öffnete sie die Badezimmertür und ging langsam in Richtung Küche, als Josh ihr mit einer Flasche Wein entgegenkam.

„Magst du Weißen? Ich hätte auch einen Roten…“

Bevor Josh fertig sprechen konnte, unterbrach Evi ihn atemlos. „Gar nichts, Josh. Weder rot noch weiß – nichts. Weil ich jetzt nämlich gehe.“ Sie konnte ihn nicht ansehen. Wollte nicht sehen, wie er über ihre Ansage dachte, deswegen bemerkte sie auch nicht, dass er sich direkt vor sie hinstellte und durchdringend ansah.

„Du wirst nicht flüchten“, sagte er, betont ruhig. „Du wirst mit mir ins Wohnzimmer gehen, damit wir darüber reden können. Also…“, forderte er sie auf – höflich, aber bestimmt.

Sprachlos hob sie den Blick und zuckte zusammen, als sie die widersprüchlichen Gefühle in seinem Gesicht ablas. Er war unsicher, aber gleichzeitig entschlossen, was ihn sehr anziehend machte. Ihre Entschlossenheit wankte. „Was kann ein Gespräch schon schaden“, sagte sie sich, wusste jedoch genau, was es bedeutete: Kapitulation. Trotzdem seufzte sie und gab nach. „Du hast nicht zufällig ein Bier im Haus?“, fragte sie, drehte sich auf dem Absatz um und ging auf das Zimmer zu, hinter dem sie das Wohnzimmer vermutete – und stand in seinem Schlafzimmer. Oh Gott – peinlicher ging es ja nicht. Doch anstatt zu lachen, hatte Josh die Flasche und die Gläser einfach auf dem Flurboden abgestellt und war Evi gefolgt.

„Das ist nicht mein Wohnzimmer“, stellte er überflüssigerweise fest. Verdammt. Er stand viel zu nah. Stand direkt hinter ihr, so dass ihr keine andere Möglichkeit blieb, als einen Schritt weiterzugehen – weiter hinein in die Höhle des besagten…

„Reden wird vielleicht doch überschätzt“, murmelte Josh und folgte ihr. Ohne Evi aus den Augen zu lassen, schaltete er das Licht ein und tauchte den Raum in weiches, anheimelndes Licht. Sein Bett war ein großes, gezimmertes Holzbett, das mit grauer Bettwäsche bezogen, sehr männlich wirkte. Als sie laut ausatmete und sich unsicher umsah, schien Josh endlich zu begreifen, wie nervös sie war, denn er gab sofort den Weg zur Tür frei. „Tut mir leid“, sagte er ruhig, „da sind wohl die Gäule mit mir durchgegangen. Lass’ uns nach drüben gehen. Ich glaube wirklich, wir haben Redebedarf.“

 

Warum wirkte er, so wie er vor ihr stand, nur so verflucht sexy? Evi räusperte sich und besann sich darauf, weswegen sie mit ihm gegangen war. Schluss jetzt mit dem Hüh-und-Hott-Gezuchtel, schließlich hatte sie ihm bereits die Eier gekrault und er hatte seine DNA auf ihr verteilt. Evi ging einen Schritt auf Josh zu und dann, wie von selbst, lagen ihre Hände auf seiner Brust. Ein Blick in seine dunklen, funkelnden Augen zeigte ihr, dass es ihm ebenso erging wie ihr. „Vielleicht sind wir doch im richtigen Zimmer“, murmelte Evi und wartete gespannt auf seine Reaktion.

Er stieß erleichtert die angehaltene Luft aus und grinste. „Wie du meinst. Du bist Gast und ich tu’ alles, damit mein Gast sich wohlfühlt.“ Als sich sein Mund auf ihre Lippen senkte, seufzte Evi wohlig und ihre Anspannung löste sich, machte Platz für etwas anderes. Ein erregendes Prickeln erfasste sie und ließ ihre Brustwarzen hart werden. Sie schlang ihre Arme um Joshs Nacken, schob ihre Finger in seinen Haaransatz und streichelte ihn zärtlich, während er seinen Kuss vertiefte. Tief in seiner Kehle hörte sie ein knurrendes Geräusch. Mit einer Hand fuhr sie ihm seitlich über den Hals, zurück zu den Schultern, die sich wunderbar stark und muskulös anfühlten. Josh war kräftiger gebaut als der schlanke und drahtige Harald und ein gutes Stück größer. Evi dache daran, wie Harald ihr gesagt hatte – natürlich scherzhaft – er hätte das Gefühl, zwischen ihr zu verschwinden. Boah – warum nur kam ihr der Spruch ausgerechnet jetzt in den Sinn? Daran wollte sie jetzt einfach nicht denken.

JOSH WAR NICHT HARALD.

Und obwohl sie ihn erst wenige Wochen kannte, war sich Evi sicher – solch’ verletzenden Dinge würde Josh niemals zu ihr sagen.

Mit einem leisen Keuchen löste sie sich von ihm, drehte sich herum und setzte sich auf den Bettrand. „Du hast zu viel an“, sagte sie und grinste frech. „Zieh dich aus.“

Josh musste grinsen. Das lief ja besser als gedacht. Er hatte damit gerechnet, den Abend mit endlosen Gesprächen zu verbringen und am Ende mit ansehen zu müssen, wie Evi aus seinem Leben verschwand – weil sie nicht damit klarkam, dass er jünger war als sie. Vielleicht glaubte sie ihm auch nicht, dass er sie trotz ihrer Pfunde sexy und begehrenswert fand, aber auch ihre Art zu lachen und ihren wachen Verstand mochte. Aber er hatte sich gründlich getäuscht. Statt mit ihm zu diskutieren, setzte sich diese fantastische Frau auf sein Bett und wartete darauf, dass er für sie strippte. Das war deutlich besser als erwartet, also streifte er gehorsam seine Sneaker von den Füssen und schleuderte sie beiseite. Er öffnete seine Jeans, hakte die Daumen in den Bund und streifte die Hose über seine langen, behaarten Beine nach unten. Sie ließ ihn keine Sekunde aus den Augen, als er aus der Hose stieg und nur mit Socken, Shorts und T-Shirt bekleidet, vor ihr stand.

 

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

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© Leocardia Sommer