„Fuck“, Ethan Chandler fluchte laut, als er den Schuss hörte. Er zog seine Waffe, entsicherte sie und stürmte los. Der Schuss war von rechts gekommen und hatte sich ziemlich nah angehört. Während er geduckt quer über die Wiese in Richtung des Knalls lief, dachte er daran, wie dumm es wieder einmal gewesen war, nicht eher auf seinen Instinkt gehört zu haben. Schon heute Morgen hatte er das unbestimmte Gefühl, dass dieser Tag nicht friedlich und harmlos bleiben würde. Etwas hatte in der Luft gelegen und ihm Magenschmerzen bereitet. Zuerst war er beim Anziehen für die Beerdigung fast über Jades Koffer gestolpert, die ihn schmerzhaft daran erinnerten: Jade würde weggehen. Sie würde ihn auf unbestimmte Zeit verlassen und mit ihrer Halbschwester Carly nach San Diego fliegen – weg von Milwaukee – weg von Tod und Gewalt – und weg von ihm. Zwar hatte sie ihm versprochen wiederzukommen und nur ein wenig Abstand zwischen sich und all die schrecklichen Ereignisse zu bringen, doch sein Herz wollte die Tatsache, dass sie eine Auszeit dringend benötigte, nicht akzeptieren. Alles in Ethan schrie: Lass sie nicht gehen! Halte sie auf! Während sein Verstand ihm dazu riet, loszulassen. Jade benötigte die Ruhe und Distanz und sollte selbst erkennen, dass ihr Platz an Ethans Seite war. Nur so war ihrer beider Seelenfrieden wieder herzustellen.

Die Beerdigung von Miles’ Verwandten war, wie erwartet, eine Achterbahn der Gefühle und Ethan war froh, als er dem Friedhof und den trauenden Mienen endlich entfliehen konnte. Vielleicht schaffte er es, vor Jades Abreise noch ein klärendes Gespräch mit ihr zu führen. Bei dem Gedanken daran, sie gehen lassen zu müssen, schnürte es ihm die Kehle zu.

Natürlich wollten sie alle Miles die notwendige Ruhe gewähren, die er nach all diesen schrecklichen Ereignissen unbedingt brauchte, doch genauso dumm und gefährlich war es gewesen, zu glauben, ihn in solch einer Verfassung alleine lassen zu können. Ja, Miles war ein SEAL und würde immer einer bleiben, aber er war verletzt, in der Seele tief verwundet, und nicht mehr in der Lage, rational und wie gewohnt zu agieren. Genau dies hätten sowohl Gabriel als auch er früher erkennen müssen. Sie hätten niemals zulassen dürfen, wie Miles sich nach der Beerdigung seiner geliebten Schwester und deren Mann und Schwager dermaßen von ihnen absonderte und zurückzog. Als Miles in seinen Wagen gestiegen und davongefahren war, hatten sie ihm lediglich hinterhergeschaut. Wenigstens hatten sie kurz darauf beschlossen, ihn über das Handy aufzuspüren – nur zur Sicherheit –, und hatten ihn schließlich im Grant Park geortet.

Während Gabriel, Kendal und die Frauen unterwegs zurück nach Milwaukee waren, wo morgen die Beisetzung der beiden Rettungsschwimmer Jensen und Mike stattfinden würde, war Ethan Miles in den Park gefolgt. Es konnte nichts schaden, den Freund im Auge zu behalten, auch wenn er sich anfänglich ein wenig übervorsichtig vorgekommen war.

Ethan stoppte abrupt ab, als schräg vor ihm der Auslöser des Schusses auftauchte: ein unscheinbar aussehender, dicklicher Mann hatte die Waffe auf Miles gerichtet, der zusammengesunken auf einer Bank saß und stöhnte. Ethans Nackenhaare richteten sich auf, während er sich geräuschlos an die beiden Männer heranschlich.

„Du verdammtes Arschloch“, stöhnte Miles und blickte Tom van Kelt hasserfüllt an. „Nicht mal richtig schießen kannst du. Du hast vorbeigeschossen.“

„Oh nein, mein Lieber. Das habe ich nicht. Mit einem Bauchschuss habe ich deine Qualen nur etwas verlängert. Du wirst sterben, keine Sorge.“ Obwohl er den durchtrainierten Mann in den Bauch getroffen hatte, verspürte Tom van Kelt keine Befriedigung. Noch nicht. Miles war noch nicht tot und obwohl Tom vorgehabt hatte, ihn langsam zu töten und es zu genießen, blieb das Gefühl übermächtiger Freude, wie er es beim Töten im Wasser empfand, aus. Ihn überkam nicht dieses Glücksgefühl, das er verspürte, wenn seine Opfer in dem verzweifelten Versuch zu atmen den Mund öffneten. Wenn sie erkannten, dass alles, was ihre Lungen flutete, lediglich eiskaltes Seewasser war. Im Wasser waren seine Motive rein und unterschiedlicher Natur. Sein einziges Anliegen war, sie endlich nach Hause zu bringen.

Dies hier war anders. Etwas völlig anderes. Tom schnaubte unwillig, als er bemerkte, wie sich vom Magen ausgehend ein starker Druck in ihm aufbaute. FALSCH. All das war falsch. Erneut war er von seinem eigentlichen Muster abgewichen. Wieder hatte er sich dazu herabgelassen, sich statt dem anmutigen Anblick sterbender Ertrinkender diesem schmutzigen Gefühl blutig-irdischen Tötens hinzugeben. Er hob die Waffe und überlegte, ob er ins Herz oder doch lieber in den Kopf schießen sollte, und empfand … ABSCHEU. Tom van Kelt empfand aufrichtigen Ekel vor sich selbst, ob seines rohen Vorgehens. Er, der sich als Lifeguard-Killer einen Namen gemacht hatte, griff ganz profan zur Waffe, was zugegebenermaßen den Vorteil des geringsten Aufwands mit sich brachte. Es war einfach, den Abzug zu betätigen. Wie viel schwerer, wenn auch ungleich anmutiger, war es da, ein Menschenleben im See zu beenden …

„Waffe weg, van Kelt“, hörte er die kalte, harte Stimme eines Mannes hinter sich. Eines Mannes, den er sehr gut kannte. Den er schon über mehrere Monate ausspionierte, ohne dass dieser es bisher bemerkt hatte. Ethan Chandler. Der Wichser, der seine Jade gefickt und entehrt hatte.

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

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© Leocardia Sommer