Diving Hunters - Eiskalte Nacht

 

Ethan Chandler stand am Grab seines Freundes Brian und schluckte schwer. Er versuchte krampfhaft, seine Gefühle hinter einer neutralen und emotionslos wirkenden Maske zu verbergen. Vergeblich. Seine sonst so klaren grauen Augen waren getrübt – und feucht. Diese eine klitzekleine Kleinigkeit, nämlich seine Tränendrüsen unter Kontrolle zu halten, konnte er seinen normalerweise gut kontrollierten Gesichtsmuskeln nicht antrainieren. Verdammt. Einerseits schämte er sich dafür, so etwas wie Schwäche zu zeigen, doch gleichzeitig war es ihm egal, was andere über ihn dachten. Unter normalen Umständen hätte er in jedem Fall seine Sonnenbrille aufgesetzt, doch dies hier waren keine normalen Umstände. Dies hier war die Ausnahmesituation schlechthin. Brian Willow. Jede einzelne Träne war es wert, um ihn geweint zu werden. Sein Freund und Teamkollege der Diving Hunters hatte den Versuch, einen gefährlichen Serienkiller alleine zu stellen, mit dem Leben bezahlt. Ethan schluckte schwer. Nichts und niemand konnte das, was passiert war, ungeschehen machen und er alleine, Ethan Chandler, trug die Verantwortung dafür. Hätte er nicht … NEIN, VERDAMMT. Diese Selbstzweifel führten zu nichts. Sie lenkten lediglich von der wichtigen Tatsache ab, dass dieses Monster noch immer auf freiem Fuß war. Noch immer bereit war, zu töten ...

                                           

Ethan Chandler war der Operationsleiter der Spezialeinheit Diving Hunters, die, Ethan eingeschlossen, aus vier Männern bestand, von denen sie einen heute zu Grabe trugen. Die Diving Hunters hatten die Aufgabe, die staatlichen Behörden der vier Bundesstaaten rund um den Lake Michigan zu unterstützen. Während drei von ihnen eine der besten militärischen Ausbildungen überhaupt genossen hatten, die der Navy SEALS, hatte Brian viele Jahre beim US Marinecorps gedient. Und nun war ihr Freund tot, weil ihr aktueller Auftrag in atemberaubender Geschwindigkeit aus dem Ruder gelaufen war.

Die Diving Hunters hatten es gemeinsam mit dem FBI geschafft, die Spur des vermeintlichen Serienmörders bis nach Milwaukee zu verfolgen. Dabei hatte es beinahe an ein Wunder gegrenzt, ihm überhaupt auf die Schliche gekommen zu sein, was nur dem außerordentlichen Spürsinn seiner Männer, insbesondere dem von Miles Lang, zu verdanken gewesen war. Nachdem sie seine Spur aufgenommen hatten, begannen sie, sein vermeintliches Zielgebiet zu observieren. Ethan hatte nach mehreren Wochen des Wartens und der erfolglosen Überprüfung hunderter Personen bereits mit dem Gedanken gespielt, die Operation abzubrechen, als er tatsächlich am vermuteten Ort aufgetaucht war …

Sie ließen den Mann zunächst, wie viele andere Badegäste auch, durch die Gesichtserkennung laufen, die jedoch keinen Treffer erzielte. Doch Miles’ ungutes Gefühl bewahrheitete sich, denn plötzlich überschlugen sich die Ereignisse. Während Brian und Ethan, als Tauchschüler getarnt, auf einem Boot Ausschau hielten, waren Miles und Gabriel mit dem Hubschrauber über dem Strandabschnitt unterwegs. Dann verschwand ihr Verdächtiger von der Bildfläche. Alle vier suchten fieberhaft nach ihm, bis Gabriel in einiger Entfernung vom Ufer und abseits des gut besuchten Strandabschnitts einen Taucher ausmachte. Dummerweise beobachtete auch Jade Michaels den Mann und eilte gegen jede Vernunft und ohne Unterstützung zu dessen vermeintlicher Seerettung. Sie war nicht misstrauisch, dass ein Mensch so weit weg vom Ufer in Not geriet.

An diesem Tag hatten Jade Michaels und ihr Kollege Mike Sander Dienst. Steve Paguera, der ebenfalls zum Rettungsschwimmer-Team gehörte, besuchte Mike, um über eine bevorstehende Pokerpartie zu sprechen, weswegen dieser auch nicht mitbekam, dass Jade wider jedes besseres Wissen eine der wichtigsten Regeln eines Rettungsschwimmers außer Acht ließ – geh niemals ohne Unterstützung ins Wasser …

Ausgerechnet Jade Michaels musste es sein, die sich unglaublich leichtsinnig und unbedarft in Lebensgefahr brachte. Die Frau, die Ethan bereits seit Wochen – wenn auch ohne ihr Wissen – den Kopf verdrehte. Sie war eine blonde Schönheit, mit ausladenden Hüften und einem sehenswerten Busen ausgestattet, wie Ethan von seinem Beobachtungsposten auf dem Boot aus bereits festgestellt hatte. Ja, er hatte sich eingehend mit ihr befasst, wenn man das Anstarren einer schönen Frau durch ein Fernglas so nennen konnte …

Ethan gefror das Blut in den Adern, als Miles ihn über die Situation informierte und sie mehrere hundert Meter weit weg waren. Viel zu weit, um rechtzeitig vor Ort zu sein. Trotzdem warf er sofort den Motor des Bootes an und fuhr los. Das alles war seine Schuld. Tage zuvor hatten Brian und er noch darüber diskutiert, ob es sinnvoll wäre, die Rettungsschwimmer in ihre Überwachungsaktion einzuweihen, doch Ethan hatte keine Notwendigkeit darin gesehen, was sich im Nachhinein als der erste große Fehler der Operation erwies. Sein zweiter großer Fehler war gewesen, nicht schneller und anders auf Miles’ Bauchgefühl reagiert zu haben, obwohl Ethan klar war, dass sie ohne jeglichen Beweis rein gar nichts in der Hand gehabt hatten, um den Mann festsetzen zu können.

Der Funkspruch seines Kollegen Miles jagte Ethan eisige Schauer über den Rücken. „Kein Sichtkontakt mehr. Ich wiederhole, kein Sichtkontakt. Weder zu der Frau noch zu unserem Mann.“ Brian stand neben ihm auf dem Boot. Sie hatten beide bereits ihre Taucheranzüge an und mussten nur noch die Druckluftflaschen anlegen, als sie an der Stelle ankamen, die Miles ihnen durchgegeben hatte.

Ethan war bereits im Wasser, noch bevor das Boot richtig zum Halten gekommen war. Gemeinsam mit Brian, der nur wenige Sekunden nach ihm die Wasseroberfläche durchbrach, stießen sie in die Tiefe des Sees hinab. Im Schein von Ethans Taschenlampe fanden sie sie. Nicht gut. Gar nicht gut, dachte Ethan, als er Jades blonde Haare im trüben Seewasser entdeckte. Sie wirkte seltsam ruhig. Zu ruhig. Beklemmende Angst überschwemmte für einen Augenblick seine Gefühlssynapsen. Sie waren zu spät gekommen. So schnell sie konnten, schwammen sie zu Jade und Ethan durchtrennte das Seil, mit dem Jade so erbarmungslos in die Tiefe gezerrt worden war. Sie hatten aufgrund der Obduktionsergebnisse der vorherigen Opfer des Lifeguard-Killers bereits eine leise Vorstellung, wie dieses Monster seine Opfer tötete. Seine Methode war genauso schrecklich wie einfach: Er paralysierte seine Opfer, indem er ihnen ein Mittel zur Lähmung der Muskeln spritzte. Anschließend band er den wehrlosen Menschen an sich fest und ging, ausgestattet mit kompletter Taucherausrüstung, auf Tauchgang. Dabei blieb das kleine, aber lebensrettende Detail, nämlich Sauerstoff, seinen Opfern verwehrt. Ethan hatte vermutet, dass es so oder so ähnlich ablief. Und obwohl er die Berichte kannte, wurde er von der Grausamkeit des Mannes überrascht. Schließlich traf er seine dritte und folgenschwerste Fehlentscheidung. Er beschloss, mit Jade aufzutauchen, während Brian allein die Verfolgung des Mannes aufnahm. Schuldgefühle waren schon immer schlechte Berater gewesen. Dennoch gab sich Ethan in diesem Moment die alleinige Schuld am Tod der jungen Frau. Er hätte besser daran getan, die Rettungsschwimmer einzuweihen, dann wäre Jade niemals alleine und ohne Unterstützung ins Wasser gegangen.

Völlig bewegungsunfähig zu sein und dabei zu ertrinken fühlte sich mit Sicherheit mehr als nur schrecklich an. Dies war kein friedlicher oder gar schöner Tod und genau diese Erfahrung hatte die junge Frau machen müssen und er – Ethan – trug die alleinige Schuld daran. Sein Hass auf den Mörder war nur einen Hauch stärker als der auf sich selbst – in diesem Augenblick. Er alleine hatte Jade Michaels’ Leben auf dem Gewissen. NIE würde er diese weit geöffneten, blicklosen Augen vergessen, in die er schaute, nachdem er sich mit Jade im Arm zurück an die Oberfläche gekämpft hatte.

Während Miles und Gabriel Jades leblosen Körper und ihn an Bord des Helis nahmen, kämpfte Brian viele Meter unter ihnen um sein Leben. VERLASSEN. EINSAM. Sofort nachdem Gabriel und Ethan es tatsächlich entgegen aller Hoffnung geschafft hatten, Jade ins Leben zurückzuholen, sprang Ethan erneut ins Wasser, um Brian zu unterstützen, doch dieses Mal war es wirklich zu spät. Er fand seinen Freund zwar sehr schnell, doch Brian war nicht mehr zu helfen. Selbst wenn sein Herz noch geschlagen hätte, als Ethan ihn fand, waren die Verletzungen, die ihm der Killer zugefügt hatte, zu schwer gewesen. Fast genauso schlimm wie Brians Tod war die Tatsache, dass dieser teuflische Mistkerl entkommen war. Durch ihr Unvermögen ihn festzunageln, konnte er munter weiter morden. Auch den örtlichen Behörden war es nicht gelungen, seine Spur aufzunehmen, während sich Ethan und seine Männer darauf konzentriert hatten, Brian und Jade so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu schaffen. Er war weg.

 

Und nun standen sie hier: eine kleine Gruppe von Menschen, mehr oder weniger eng mit Brian Willow verwandt oder befreundet, in tiefer Trauer und demütig. Alle, da war Ethan sich sicher, verspürten Trauer und Verlust. Er jedoch kämpfte obendrein noch mit ganz anderen Dämonen. Welche, die ihm höhnisch ins Gesicht spien: DU HAST IHN GETÖTET. HAST IHN ALLEINE GELASSEN. DU TRÄGST DIE SCHULD FÜR SEINEN TOD.

Seit Brians Tod hatte er noch nicht wieder in die Gegenwart zurückgefunden, und das waren mittlerweile immerhin schon zehn Tage, die er nicht wirklich bewusst erlebt hatte. Brian Willow war ganz offiziell zum achten Opfer des Lifeguard-Killers, wie ihn die Medien nannten, erklärt worden, und während die Untersuchungen über seinen Tod auf Hochtouren weiterliefen, waren Ethan und seine Männer von den laufenden Ermittlungen abgezogen worden mit der Begründung, zu sehr persönlich involviert zu sein. Dies gefiel weder Gabriel noch Miles und am wenigsten Ethan, doch ihnen waren die Hände gebunden. Dennoch hatten sie, direkt nachdem sie Brian und Jade im Krankenhaus abgeliefert hatten, die Ermittlungen aufgenommen und nichts unversucht gelassen, um den Mörder ihres Freundes zu schnappen. Miles hatte Satellitenbilder des Seeabschnittes überprüft, doch die Spur des Mannes verlor sich wenige Kilometer vom Strand entfernt. Er war sprichwörtlich von der Bildfläche verschwunden.

 

Ich liebe gute Geschichten und ich liebe es, zu schreiben! Dabei ist mir wichtig, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, euch dem Alltag zu entreißen und eure Gedanken davonzutragen.

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© Leocardia Sommer